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Full text of "Die Pubertätsriten der Mädchen und ihre Spuren im Märchen. Eine psychoanalytische Studie"

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Die Puoertätsriten 
der JVi-ädclien 

una Spuren im JS4.ärclien 



Eine psy<ii.oanalytisciie Studie 



von 



Alf re<i Winterstem 



SonJerahJruclc aus j,ImagOj Zeitsclirift für A.nwendung der 
Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften^^ 
(kerausgegehen von Sigm. Freud), Bd. XIV^ (1^28) 



1928 

Internationaler Psydioanalytisdier Verlag 

Leipzig / AV^i e n / 2/üri 



Alle Rechte, 
insbesondere die der Übersetzung, 
vorbehalten 



rngm INTERNATIONAL 
&■ PSYCHOANALYTIC 
UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck : Christoph Reisser'i Sohne, Wien V 



Die Putertätsriten <3er JVLäJciien unJ ilire 
opuren im Märcii en 



Ein Ereignis, das heute unter dem Namen Konfirmation oder Firmung 
für unsere heranwachsende Jugend im allgemeinen keine tiefere Bedeutung 
mehr besitzt: der Übergang vom Kinde zum geschlechtsreifen, sozial voll- 
wertigen Menschen, kann auf einer niedrigeren Stufe der Kultur in seiner 
Wichtigkeit für das Leben des Einzelnen schwerlich überschätzt werden. 
Vermag man doch ruhig zu behaupten, daß der primitive Mensch Geburt, 
. Heirat und Tod als weniger bedeutsame „Schwellen^ereignisse betrachtet. 
Diese hohe Bewertung durch den Primitiven drückt sich auf sinnfällige 
Weise in der über die ganze Welt verbreiteten Einrichtung der Pubertäts- 
zeremonien aus. Es lassen sich aber nicht nur in den auf das nämliche 
Geschlecht bezüglichen Bräuchen geographisch weit voneinander entfernter 
Völker, sondern auch in den Bräuchen der Knaben und Mädchen eines 
und desselben Stammes gemeinsame Züge aufdecken, die als Ausdrucks- 
formen einer allgemein-menschlichen, dem Unbewußten angehörenden 
Reaktion auf die Erlangung der Geschlechtsreife angesehen werden müssen. 

Erst der psychoanaljrtischen Forschung blieb es vorbehalten, den tieferen 
Sinn dieser Bräuche aufzuklären, über die J. G. Frazer^ einige Jahre 
vorher folgendes geschrieben hatte: „JVe may hope that a more exact ac- 
quaintance with savage modes of thought will in time dischse this central 
mystery of primitive society, and will thereby ßirnish the eine, not only 
to totemism, but to the origin of the marriage System." 



1) Auf Gnmd eines in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 4. Mars 
1925 gehaltenen Vortrages. 

2) J, G.Frazer: The Golden Bough. Balder the beautiM. Vol. II, p. 278. London 1913. 



4 



Alfred W^iiitersteni 



Th. Reik hat sich in seiner grundlegenden Arbeit über „Die Pubertäts- 
riten der Wilden"^ darauf beschränkt, die Jünglingsweihen zu behandeln. 
Ais eine Ergänzung seiner auch für uns in allem Wesentlichen maß- 
gebenden Ausführungen mag der Versuch beurteilt werden, einer gleichen 
Betrachtungsweise die Pubertätsfeste des weiblichen Geschlechtes zu unter- 
ziehen, die trotz mancher auch aus dem Charakter des Initiationsritus über- 
haupt abzuleitender Gemeinsamkeiten von den Bräuchen der Knaben spezi- 
fisch verschiedene Eigentümlichkeiten besitzen und vielleicht auch die 
primitiveren Formen dieser Zeremonien sind. 

Wir beginnen zunächst damit, typische Beispiele^ solcher Weihefeste aus 
Afrika, Australien, Amerika und Asien zu berichten. Unsere durch den 
Raummangel gebotene knappe Auswahl läßt den Reichtum der vorhandenen 
Kasuistik kaum ahnen. 

Afrika. Unter den Amamhwe, Winamwanga, Alungu und anderen Stämmen 
des großen Plateaus im Westen des Tanganyikasees herrscht nachstehender 
Brauch: Wenn ein junges Mädchen weiß, daß sie die Geschlechtsreife erlangt 
hat, verläßt sie sogleich die Hütte ihrer Mutter und versteckt sich im hohen 
Grase nächst dem Dorfe, wobei sie ihr Gesicht mit einem Tuche verhüllt und 
bitterlich weint. Gegen Sonnenuntergang folgt ihr eine der älteren Frauen, — 
die als Leiterin der Zeremonien nachimbusa genannt wird, — stellt einen 
Kochtopf bei einer Straßenkreuzung auf und bereitet darin ein Gebräu aus 
verschiedenen Grasarten, mit dem sie die Neophytin einreibt. Bei Einbruch 
der Nacht wird das Mädchen auf dem Rücken des alten Weibes zur Hütte 
seiner Mutter zurückgetragen. Nach Ablauf der üblichen Frist von ein paar 
Tagen darf es wieder kochen; vorher muß das junge Mädchen aber den Boden 
der Hütte weißen. Im folgenden Monat sind die Vorbereitungen für seine Ein- 
weihung beendet. Die Novizin muß während der ganzen Zeit der Initiation 
in der Hütte bleiben und wird sorgfältig von den alten Frauen bewacht, die 
sie, wann immer sie ihre Wohnstätte verläßt, begleiten, nachdem sie ihren 
Kopf mit einem landesüblichen Tuche verdeckt haben. Die Feierlichkeiten 
dauern wenigstens einen Monat. Während dieser Periode der Abgeschiedenheit 
trommeln und smgen die Dorffrauen in der Hütte der Mutter und kein Mann 



1) Th. Reik: Probleme der Religionspsycbologie, I. Teü, Internationaler Psycho- 
analytischer Verlag, Leipzig und Wien 1919, S- 59 ff. Zuerst veröffentlicht in „Image", 
Jahrg. 1915/16, Heft 5 und 4. (Die 2. Auflage dieses Werkes erschien 1928 unter dem 
Titel „Das Ritual".) 

2) Die zitierten Beispiele entnehme ich zum überwiegenden Teile dem ersten 
Bande des angeführten Werkes von Frazer, S. 22 ff., dem zweiten Bande des Werkes 
von Floß -Renz: Das Kind, Leipzig 1912, dem ersten Bande des Werkes von Ploß- 
Bartels: „Das Weib", Leipzig 1908 (9. Auflage) und dem Werke Emest Grawleys: 
The Mystic Rose. A study of primitive marriage. London 1902. 



Die Put ertätsritcn der AläcJdieii und ihre Spuren im Märdieii 



— mit Ausnahme des Vaters von Zwillingen — darf eintreten. Die Zeremonien- 
aufseherin und die älteren Frauen unterweisen das junge Mädchen in den 
Anfangsgründen der Lebensführung, in den ehelichen Pflichten, den Regeln 
des Anstandes und der Gastfreundschaft, die eine verheiratete Frau beobachten 
muß. Unter andern Dingen muß sich das junge Mädchen einer Reihe von 
Prüfungen unterwerfen, als da sind: über Hindernisse springen, den Kopf 
durch einen Dornenkranz zwängen usw. Der Unterricht wird durch Lehm- 
figuren anschaulich gemacht, die Tiere und die gewöhnlichen Gegenstände des 
häuslichen Lebens darstellen. Die Leiterin des Unterrichtes verschönert die 
Mauern der Hütte mit rohen Zeichnungen, deren jede ihre besondere Bedeu- 
tung und ihren besonderen Gesang besitzt, die von dem Mädchen verstanden 
und gelernt werden müssen.- In dem vorstehenden Bericht scheint die Regel 
daß ein Mädchen im Alter der Pubertät weder die Sonne sehen noch 
den Boden berühren darf, durch die Feststellung angedeutet zu sein, daß 
es sich nach der ersten Wahrnehmung seines Zustandes in hohem Grase ver- 
steckt und nach Sonnenuntergang auf dem Rücken eines alten Weibes heim- 
getragen wird. 

Wenn ein junges Mädchen unter den Nyanja sprechenden Stämmen von 
Zentralangoniland in Britisch-Zentralafrika entdeckt, daß es eine geschlechts- 
reife Frau geworden ist, bleibt es schweigend auf dem Wege, der ins Dorf 
führt, stehen und verhüllt sein Gesicht mit einem Kattuntuch. Eine alte Frau, 
die die Jungfrau dort findet, nimmt sie zu einem Fluß mit, um sie dort zu 
baden; hierauf wird sie für sechs Tage in der Hütte der alten Frau abge- 
sondert. Sie ißt ihren Suppenbrei aus einem alten Korbe und die Zukost, in 
die kein Salz gegeben werden darf, aus einer Topfscherbe. Der Korb wird 
später weggeworfen. Am siebenten Tage versammeln sich die alten Frauen, 
begeben sich mit dem Mädchen zu einem Fluß und werfen es ins Wasser. 
Auf dem Heimwege singen sie Lieder ; die alte Frau, die die Begehungen leitet, 
trägt das Mädchen auf dem Rücken. Dann breiten sie eine Matte aus, holen 
den Ehegatten des Mädchens, heißen die zwei sich niedersetzen und scheren 
den Kopf des Mannes. Nach Einbruch der Dunkelheit begleiten die alten 
Frauen das Mädchen zu der Hütte seines Gatten. Dort wird die ndiivo Zukost 
am Feuer gekocht. Während der Nacht steht die Frau auf und tut etwas 
Salz in den Topf. Vor der Morgendämmerung (während alles noch dunkel ist 
und die Dorfbewohner noch nicht ihre Türen geöffnet haben) verläßt die 
Jungverheiratete Frau ihre Hütte und gibt etwas von der Zukost ihrer Mutter 
und dem alten Weibe, das die Zeremonie geleitet hat. Sie stellt die Zukost 
bei den Türen ihrer Hütten nieder und geht weg. Und wenn in der Frühe 
die Sonne aufgegangen und alles im Dorfe hell ist, öffnen die zwei Frauen 
ihre Türen und finden dort die Zukost mit dem Salze; sie nehmen davon 
und reiben es auf ihre Füße und unter ihre Achselhöhlen. Und wenn kleine 
Kinder im Hause sind, essen sie davon. Und wenn die junge Frau einen Bluts- 



i) C. Gouldsbury and H. Sheane: The Great Plateau of Nortbern Nigeria 
(London 1911), S. 158—160. 



AlfrcJ W^intersteiii 



verwandten hat, der zur Zeit nicht im Dorfe weilt, wird etwas von der Zu- 
kost auf einen Splitter Bambushok gestrichen und bis zu seiner Rückkehr auf- 
gehoben, damit er dann gleichfalls seine Füße damit einreiben kann. Doch 
wenn die Frau ihren Mann impotent befindet, steht sie nicht zeitig auf 
und geht nicht in die Dunkelheit hinaus, um die Zukost bei den Türen ihrer 
Mutter und des alten Weibes niederzustellen. Und am Morgen öffnen die alten 
Frauen ihre Türen, erblicken dort keine Zukost, erkennen, was geschehen ist, 
und gehen nun Ustig zu Werke. Denn sie überreden den Ehegatten, den Wahr- 
sager zu befragen, damit er ein Mittel gegen dessen Impotenz bekanntgebe, 
und während der Gatte mit dem Hexenmeister eingeschlossen ist, holen sie 
einen anderen Mann herbei, der die Zeremonie mit der jungen Frau zu Ende 
bringt, damit die Zukost verteilt werden kann und die Leute ihre Füße 
damit einreiben können. 

Tritt aber der Fall ein, daß ein Mädchen, das zur Reife gelangt, noch nicht 
verlobt ist und daher keinen Bräutigam besitzt, zu dem sie gehen kann, so 
sagen die alten Frauen dem Mädchen, es müsse statt dessen zu einem Lieb- 
haber gehen. Diesen Brauch nennt man chigango. Das Mädchen nimmt also 
am Abend seinen Kochtopf samt Zukost und eilt in die Wohnung der Jung- 
gesellen, die aus Entgegenkommen diese Nacht anderswo schlafen. Und am 
Morgen kehrt das Mädchen zur ÄuÄra-Hütte zurück.^ 

Bei den nördlichen Clans des Thongastammes, in Südostafrika in der Gegend 
der Delagoabucht, wird nachstehender Brauch beobachtet: Wenn ein Mädchen 
glaubt, daß der Zeitpunkt seiner Heiratsfähigkeit gekommen ist, wählt es eine 
Adoptivmutter, etwa in einem Nachbardorf. Sobald das Anzeichen sich be- 
merkbar macht, flüchtet das Mädchen aus dem eigenen Dorf und begibt sich 
in das der Adoptivmutter, „um in ihrer Nähe zu weinen . Nachher wird es 
mit zahlreichen anderen Mädchen, die sich in demselben Zustande befinden, 
für einen Monat abgesondert. Sie werden in eine Hütte gesperrt, und so oft sie 
hinausgehen, müssen sie ein schmutziges Tuch auf ihren Gesichtern wie einen 
Schleier tragen. Jeden Morgen werden sie zu einem Teich geführt und ins 
Wasser bis zum Halse getaucht. Eingeweihte Mädchen oder Frauen begleiten 
sie, wobei sie obszöne Lieder singen und mit Stöcken jeden Mann, der ihnen 
begegnet, verjagen; denn kein Mann darf ein Mädchen während dieser Zeit 
der Absonderung sehen. Würde er es erbhcken, so heißt es, daß er mit Bhnd- 
heit geschlagen würde. Bei ihrer Rückkehr vom Flusse werden die Mädchen 
wieder in der Hütte eingesperrt, wo sie vor Nässe schauernd verbleiben, denn 
sie dürfen nicht zum Feuer gehen, um sich zu wärmen. Während ihrer 
Abgeschiedenheit lauschen sie auf laszive Gesänge, die die erwachsenen 
Frauen singen, und werden in sexuellen Dingen unterrichtet. Am Ende 
des Monats bringt die Adoptivmutter das Mädchen zu seiner Mutter zurück 
und beschenkt es mit einem Topfe Bier. 

Über einen primitiven Typus von Frauenzeremonien bei den Atchuabo in 



i) R. Sutherland Rattray: Some Folk-Lore Stories and Songs in Chinganja 
(London 1907), S. 102 — 105. 



Die Putertätsritea der MäJciieii unj itre Spuren im MärJien 



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PortugiesLsch-Ostafrika berichtet uns ausführlich P. Michel Schulien.' Dort 
verlaufen die Mädchenweihen in fünf großen Tänzegruppen, die sich zeitüch 
und inhaltlich an die großen Ereignisse im Leben des Mädchens anschließen: 
erste Menstruation, Heirat, Schwangerschaft und erste Entbindung. Hauptziel 
der Zeremonien ist die Erwerbung eines gewissen Etwas, das der geschlecht- 
lichen Betätigung erst die richtige Kraft verleiht, die „Kraft der Wollust", die 
dem Stamm den gesunden, starken Nachwuchs sichert. Hat ein Mädchen nach 
den Zeremonien am eigenen ehelichen Herd ein Kind empfangen und geboren, 
so rückt es in die Altersklasse der „Großen" auf. Die Mittel, durch welche 
diese Kraft erworben wird, sind: Betanzung, Belehrung und Beschneidung. 
Sexuelle Aufklärung und Beschneidung sind bloß Nebenmittel; sie dienen der 
Uberleitung dieser Kraft auf die Mädchen. Das Hauptmittel aber ist der Tanz, 
die Betanzung durch die namungu, die Zeremomenaufseherin, durch viele alte 
Frauen, vor allem aber durch die Mutter des Mädchens. Mit dem Tanze sind 
alle Teile der Zeremonien ausgefüllt. Der Tanz wird ausgeführt, um die Kraft 
in die Mädchen überzuleiten. Er wird jedoch auch ausgeführt, um diese Kraft 
zu schaffen, sie bereitzustellen, um sie zu ertanzen. Die namungu ist nicht nur 
Lehrerin, sondern hat auch allein das Recht, bei den Zeremonien die Mädchen 
zu schlagen, um sie von jugendlichen Freveltaten zu entsühnen;^ sie nimmt 
auch die Beschneidung vor. Der Kandidatin werden femer die Haare ge- 
schnitten und ein neuer Name beigelegt. Merkwürdig ist der Brauch, daß bei 
einer bestimmten Tänzegruppe die alten Frauen mit den Mädchen auf einen 
Mangobaum steigen, um alle Zweige abzureißen. Die Aufklärung erfolgt nicht 
nur mit Worten, sondern auch pantomimisch, indem mit Masken angetane alte 
Frauen die Begattung agieren. Während der Zeremonien wohnen die Mädchen 
in einer Rundhütte, die von alten Männern, unter denen der Vater die Haupt- 
person ist, gebaut wird. Diese Hüttenform ist sonst bei den Atchuabo unbe- 
kannt und dürfte ein Überbleibsel aus einer älteren Kulturstufe (nigritisch) sein 
ebenso wie die Mädchenweihe selbst. 

Von den Basutos in Britisch-Südafrika sei schließlich der, wie wir sehen 
werden, charakteristische Zug erwähnt, daß die Mädchen im Pubertätsalter, 
wenn sie von den alten Frauen in einem Flusse gebadet werden, einzeln in 
den Krümmungen und Biegungen des Gewässers versteckt und angewiesen 
werden, ihre Köpfe zu bedecken, da sie den Besuch einer großen Schlange^ 
zu gewärtigen hätten. Ihre Glieder werden dann mit Lehm beschmiert, kleine 



1) P. Michel Schallen, S.V. D.: Die Initiationsieremonien der Mädchen bei den 
Atchuabo (Portugiesisch- Ostafrika). Antliropos, Bd. 18/19, 1925/241 Heft 1, 2, 5. 

2) „Sie schlagen es, damit es denke, das, was ich tat, ist schlecht«, sagen die 
Eingeborenen. 

3) Bei den Baganda wurde die erste Menstruation als eine Heirat angesehen und 
von dem Mädchen als einer Braut gesprochen. Bei den Siamesen herrscht der Glaube, 
daß des Mädchens erste Menstruation von der Defloration durch Luftgeister 
herrühre und daß die dadurch bewirkte Wunde jeden Monat diurch den nämlichen 
dämonischen Einfluß erneuert werde. (De la Loubfere: Du Royaume de Siam. 
Amsterdam 1691, I, S. 205.) . . 



8 



Alfred W^interstein 



Strohmasken auf ihre Gesichter gelegt und so geschmückt, folgen sie 
einander täglich in feierlichem Zuge, melancholische Weisen singend, zu ien 
Feldern, um dort die landwirtschaftlichen Arbeiten zu erlernen, die 
einen großen Teil ihres Lebens als Erwachsene ausfüllen werden.' Wir dürfen 
annehmen, obwohl darüber nichts gesagt wird, daß die Strohmasken den Zweck 
haben, die Gesichter der Mädchen den Blicken der Männer und den Strahlen 
der Sonne zu entziehen. 

Australien und Indonesien. In iCa&ctc^i, einem Distrikt von Britisch-Neu- 
guinea, werden die Töchter von Häuptlingen im Alter von zwölf oder dreizehn 
Jahren in häuslichem Gewahrsam gehalten, der zwei oder drei Jahre dauert, 
und bekommen unter gar keinem Vorwande die Erlaiibnis, von ihrem Hause 
hinabzusteigen; das Haus ist so beschattet, daß die Sonne sie nicht bescheinen 
kann.^ 

Über die Reifeweihe der Mädchen beim Stamme der Bänaro im Innern 
Neuguineas verdanken wir Richard Thurnwald^ einen ausgezeichneten, für 
den Psychoanalytiker besonders aufschlußreichen Bericht, dem ich folgendes 
entnehme:''' Wenn die Mädchen mannbar werden, versorgt man sie mit einem 
Gatten. Die Heirat^ setzt den Abschluß der Reifeweihe voraus, die beim weib- 
lichen Geschlecht in ähnlicher Weise wie beim männlichen vorgenommen 
wird, wenn die physiologische Pid^ertät erreicht ist. Die Einweihungszeremonie 
erstreckt sich über einen Zeitraum von neun Monaten, während deren die 
Mädchen in einer eigens eingebauten Zelle des Wohnhauses verschlossen gehalten 
und nur mit Suppen von dünnem Sagoschleim ernährt werden. Zu Beginn 
der Einschließung werden vom Vater einerseits und dem Mutterbruder ander- 
seits wilde Schweine gejagt und für ein Essen geliefert, bei Beendigung Haus- 
schweine für das Schlußfest geschlachtet, in ähnlicher Weise wie bei der 
Jünglingsweihe. Während der ganzen Dauer der Einschließung des Mädchens 
schläft dessen Vater in der „ Geisterhalle ".^ Das Ganze ist — nach Thurn- 
wald^ — als ein Zauber zur Weibwerdung des Mädchens während der neun 
Monate zu denken, während deren es, — wie im Mutterleib — in der Zelle 
eingeschlossen, zum Weibe heranreifen soll und nur mit Sagoschleim ernährt wird. 

Schließhch wird die Zelle von den Frauen gewaltsam erbrochen und die 
Mädchen — es werden immer mehrere avif einmal der Weihe zugeführt — 



1) E. Casalis: The Basutos (London 1861), S. 268. 

2) J. Chalmers and W. Wy att: Gill, Work and Adventure in New Guinea (London 
1885), S. 159. 

5) Dr. Richard Thurnwald: Die Gemeinde der Bänaro. Ehe, Verwandtschaft 
und Gesellschaftsbau eines Stammes im Innern von Neuguinea, Aus den Ergebnissen 
einer Forschungsreise 1915 — 1915- Stuttgart 1921. 

4) Thurnwald, a. a. O. S. igff- 

5) Die Heirat erfolgt außerhalb des Glans, aber innerhalb des Stammes, 

6) Die soziale Einheit der Niederlassung ist der Weiler. Jeder Weiler besitzt eine 
besondere gemeinsame Halle (b&ek) als seinen religiösen und sozialen Mittelpunkt- 
Die Bezeichnung „Geisterhalle" rührt von Thurnwald her. 

7) Thurnwald, a, a. O. S. 20. 



Die Pufeertätsriteii der Mäddien imj ilire Spuren ini MärcSjen 



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freigelassen. Damit beginnen die Spiele. Die Frauen jagen die Mädchen aus 
dem Haus und bewerfen sie draußen mit bereitgelegten Kokosnüssen (Be- 
fruchtungssymbole). Sie treiben sie schließlich in den Fluß, wo sie sie weiterhin 
noch mit Kokosnüssen bombardieren. Schließlich lassen sie die Mädchen ans 
Ufer, wo sie nun Sagobrei und Schweinefleisch, also das beste Essen, bekommen. 
Dann werden die Mädchen neu bekleidet und geschmückt. Hierauf tanzen die 
Frauen um die schön geschmückten Mädchen. 

An demselben Abend beginnt ein Nachtfest eigener Art. Nach Einbruch der 
Dunkelheit versammeln sich die Männer auf den Straßen des Dorfes. Die 
Alten stecken die Köpfe zusammen und einigen sich darüber, wie sie die nun 
reifgewordenen Mädchen — gemäß ihrer Sitte — untereinander verteilen 
sollen. Diese Sitte wurde Thurnwald folgendermaßen erklärt: Der Vater des 
angelobten Bräutigams sollte zunächst eigentlich Besitz von dem Mädchen er- 
greifen. Dieses ist nämlich heute reif erklärt worden. Der Vater des Bräuti- 
gams sagt aber, er schäme sich, und bittet nun seinen „Sippenfreund", mundü, 
von der anderen Hälfte des Clan,' seine Stelle einzunehmen und das Mädchen 
in die Geheimnisse des ehelichen Verkehrs einzuführen. Der „Freund" aus 
der anderen Sippe stimmt zu. Und nun führt die Mutter des Mädchens dieses 
dem Vater des Bräutigams zu und sagt ihr, er werde sie nach der Geisterhalle 
geleiten, wo sie den „Geist" in eigener Person treffen solle. Die Mädchen 
aber — setzte Thurnwalds Gewährsmann hinzu — wissen schon, worum es 
sich handelt. 

Der Vater des Bräutigams führt sie nach der Geisterhalle und läßt sie ein- 
treten. Sein „Leibfreund", mundü, hat sich inzwäschen schon nach der Halle 
begeben und erwartet dort des Freundes künftige Schwiegertochter. Wie sie 
eintritt, ergreift sie der „mujiiin" ihres künftigen Schwiegervaters an der Hand, 
während der Schwiegervater selbst sich zurückzieht und die Halle verläßt. 
Sie wird nun vom ,,mundn.^' als „Geist'', „Kobold'' an den Platz geführt, an 
dem die (drei bis sechs Meter) langen Bambuspfeifen verborgen aufbewahrt 
werden. (Die Pfeifen, die bei vielen Zeremonien eine wichtige Rolle spielen, 
werden als die Gefäße der Geisterstimme betrachtet und ihr Anblick ist dem 
weiblichen Geschlechte bei Todesstrafe verboten. Die Frauen werden immer 
weggescheucht, wenn die Pfeifen offen oder verhüllt getragen werden.) 

Vor diesen in der Dunkelheit der Nacht und der Haie für das Mädchen 
natürlich nicht sichtbaren Pfeifen findet nun der Beischlaf zvdschen der Braut 
und ihres künftigen Schwiegervaters „Sippenfreund", mundü, als „Geist'" statt. 
Danach wird sie vom mundü nach dem Ausgang der Halle geführt und imten 
von dem wartenden Schwiegervater in Empfang genommen, der sie ihrer 
Mutter zurückbringt. Der „mundü'' aber kehrt nach Haus zurück, doch nicht 
auf geradem Weg zwischen den Dorfbewohnern hindurch, sondern auf einem 
Umweg, um niemandem zu begegnen, denn „er schämt sich" — wie man sagt. 

Des Bräutigams Vater begibt sich hierauf in die GeisterhaUe, denn es ist 



i) Der Clan ist in zwei Sippen geteilt. Die symmetrische Teilung der Geister ■ 
halle spiegelt die Spaltung des Clans in zwei Hälften wider. 



lo Alfred Vintersteiii 



jetzt an ihm, die Rolle des Geistes zu spielen. Der Sippenfreund, mundtt, führt 
ihm nunmehr seines Sohnes Braut zu demselben Zweck in gleicher Absicht zu. 

Die „Sippenfreunde" der Schwiegerväter dürfen ihre Geisterrolle noch 
wiederholt bei festlichen Gelegenheiten in der Halle ausüben, aber nur dort. 

Dem Bräutigam bleibt die Braut versagt, bis sie ein Kind geboren hat.* 
Das Kind, die Frucht ihres Verkehrs mit dem Sippenfreund ihres Schwieger- 
vaters, wird „Geisterkind" ^ benannt. Kommt dieses zur Welt, so spricht die 
Mutter: „Wo ist dein Vater? Wer hatte mit mir Umgang?" Der Bräutigam 
entgegnet: „Ich bin nicht sein Vater, es ist ein Geisterkind". Sie meint dann: 
„Wie ist es zugegangen, daß ich mit einem Geist zu tun hatte?" Es scheint 
also, daß die Braut auf das Ereignis der Kohabitation wie auf einen Vorgang 
blickt, der ihr nicht voll zu Bewußtsein gekommen ist. 

Mit Recht vermutet Thurnwald3 in der Ablehnung der Defloration von 
selten des Vaters des Bräutigams eine Neuerung und betrachtet das Anerbieten 
selbst als den Bestandteil eines alten Brauches. Danach hätte also der Vater 
die Braut des Sohnes defloriert, eine Sitte, die auch in abgeschwächter Form 
als Wohnen beim Schwiegervater vorkommt. + 

Auf den Marshall-Inseln waren früher mit dem Eintritt der Pubertät bei 
einer Häuptlingstochter viele Zeremonien verbunden. Nach der Salbung durch 
eine Zauberin nahm das Mädchen ein Bad, das sie während der zwei bis 
drei Wochen dauernden Feier tägEch dreimal wiederholte. Den Weg der 
Häuptlingstochter zum Bad durfte sonst niemand betreten. Ihre Haltung und 
ihre Lage hatten sich Tag und Nacht nach bestimmten Vorschriften zu richten. 
Zum Schlüsse der Feier gab man ein großes Essen, an dem alle Untertanen 
teilnahmen. Von jetzt an durften die Eltern des Mädchens, die sich während 
der Feier voneinander enthalten hatten, wieder zusammenkommen. Das Mädchen 
wurde in der nächsten Nacht der Feier von einem hohen Mitglied der 
Familie, das auch der eigene Vater sein konnte, defloriert und 
konnte in jeder der folgenden Nächte mit ihm verkehren. In Ermanglung 
eines ebenbürtigen Mannes auf der Insel holte man einen von einer anderen 
Insel. Die Pubertätsfeier gewöhnlicher Mädchen durfte nur im Kreise der 



1) Bei den Tai- Shan- Stämmen in China wird die Ehe erst gesöhlossen, wenn ein 
Kind geboren worden ist. (S trzoda: Die Li auf Hainau. Zeitschr. f. Ethn. 1911, 
S. 203.) Darüber, daß die Ehe als nielit vollständig betrachtet wird, solange kein 
Kind geboren, vgl. E. Crawl ey: The Mystic Rose, S. 464. 

2) Daß das erste Kind als „Geistkind" betrachtet wird, erinnert daran, daß die 
Empfängnis, die Entstehung des Kindes überhaupt, auf die Wirkung von Ahnen- 
geistern, wie z. B. oft in Australien, zurückgeführt wird. (Turnwald, a. a. O. S. ^8.) 

3) Thurnwald, a. a. O. S. 184. 

4) Siehe Crawley: The Mystic Rose, S. 314, 347 ff. Beim Mekeo-Stamm in Neu- 
guinea wird die Braut nach dem Hause ihres künftigen Schwiegervaters gebracht, 
wo sie oft zwei bis drei Monate lebt, bis die Kohabitation mit ihrem künftigen 
Gatten vollzogen wird. Das Zeichen, daß die Ehe konsummiert werden darf, wird 
durch ihre Anwesenheit im Garten gegeben. (W. W. Williamson, Journ. R. Anthr. 
Inst. 1913, S. 276.) 



Die Puliertätjriten der JVtäJtiien und iLre Spuren im Atärdieu 11 



Familie begangen werden. Die Eltern mußten ihre Töchter am Schlüsse der 
Feier dem Häuptling schicken, der eine Verweigerung strenge gestraft hätte. 
Auch die jetzigen Häuptlinge machen von diesem Jus primae noctis Gebrauch.' 

Bei den Ot Danonis auf Bomeo werden die Mädchen im Alter von acht 
oder zehn Jahren in einem kleinen Zimmer oder einer Zelle des Hauses ein- 
gesperrt und von jedem Verkehre mit der Welt für lange Zeit abgeschlossen. 
Die Zelle ist so wie das übrige Haus auf Pfählen über dem Erdboden errichtet 
und empfängt ihr Licht nur durch ein einziges schmales Fenster, das auf einen 
einsamen Platz hinausgeht, so daß das Mädchen in fast gänzlicher Finsternis 
verbleibt. Es darf das Zimmer unter gar keinem Vorwande verlassen, nicht 
einmal für die notwendigsten Bedürfnisse. Kein Familienmitglied darf das 
Mädchen während dieser Zeit sehen, eine einzige Sklavin ist zu seiner Be- 
dienung da. Während der Einzelhaft, die oft sieben Jahre dauert, beschäftigt 
sich das Mädchen mit dem Weben von Matten oder anderen Handarbeiten. 
Sein Wachstum verkümmert infolge des jahrelangen Mangels an Bewegung, 
und wenn es nach Erlangung der Geschlechtsreife herauskommt, ist seine Haut- 
farbe wachsbleich. Es werden ihm nun die Sonne, die Erde, das Wasser, die 
Bäume und die Blumen gezeigt, als ob das Mädchen neu geboren wäre. 
Hierauf wird ein großes Fest veranstaltet, ein Sklave getötet und das Mädchen 
mit dessen Blute beschmiert {Wiedergeburtszauber). ^ 

Beim Yaraikanna-StsLmm der Halbinsel Kap York im nördlichen Queens- 
land muß ein mannbar gewordenes Mädchen einen Monat oder sechs Wochen 
lang für sich leben; kein Mann darf sie zu Gesicht bekommen, wohl aber 
jede Frau. Sie hält sich in einer Hütte oder unter einem Schutzdach auf, das 
eigens für sie gebaut wurde, und liegt rücklings auf dem Boden. Sie darf die 
Sonne nicht sehen und muß um die Zeit des Sonnenunterganges ihre Augen 
geschlossen halten, bis die Sonne untergegangen ist; denn man glaubt, daß 
andernfalls ihre Nase erkranken würde. Während ihrer Absonderung darf 
sie nichts essen, was in Salzwasser lebt, sonst würde eine Schlange sie 
töten. Eine alte Frau betreut sie und versorgt sie mit Wurzeln, Yams und 
Wasser. Einige Stämme pflegen ihre Mädchen bei solchen Gelegenheiten mehr 
oder weniger tief in der Erde zu begraben, vielleicht in der Absicht, 
sie vor dem Sonnenlichte zu verstecken. Wenn unter den Eingeborenen 
des Pennefather-Flusses auf der Halbinsel Kap York in Queensland ein Mädchen 
zum erstenmal menstruiert, wird es von der Mutter zu irgendeinem abge- 
legenen Platze geführt, die dort ein kreisrundes Loch im Sandboden unter 
dem Schatten eines Baumes gräbt. In diesem Loch kauert das Mädchen 
mit gekreuzten Beinen und wird bis zum Gürtel mit Sand bedeckt. 
Zu beiden Seiten wird ein Grabstock fest in den Sand gepflanzt und der Platz 
mit einer Einfriedigung von Strauchwerk umgeben, ausgenommen vom, wo 

1) Erdland: Die Marshall-Insulaner. München 1914. 

2) CA, C. M. Schwan er: Borneo, Beschrijving van het stromgebied van den 
Barito, II, (Amsterdam, 1855 — 1854), S. 77 ff-; W. F. A. Zimmermann: Die Inseln 
des Indischen und Stillen Meeres, II. (Berlin 1864 — 1865), S. 652 ff.; Otto Finsch: 
Neuguinea und seine Bewohner (Bremen 1865), S. 116 ff. 



Alfred \V^mtersteIii 



die Mutter ein Feuer entzündet. Dort verbleibt das Mädchen den ganzen Tag, 
indem es mit gekreuzten Armen dasitzt und die Handteller auf den Sand legt! 
Es darf die Arme nicht bewegen, außer um Nahrung von der 
Mutter zu empfangen oder um sich zu kratzen; und wenn das Mädchen 
sich kratzt, darf es sich nicht mit den eigenen Händen berühren, son- 
dern muß z« diesem Zweck einen Holzsplitter benützen, der, wenn er 
nicht gebraucht wird, ins Haar gesteckt wird. Sie darf nur mit ihrer 
Mutter sprechen; niemand anderer würde daran denken, sich ihr zu nähern. 
Am Abend ergreift das Mädchen die zwei Grabstöcke, befreit sich mit ihrer 
Hilfe von dem darüb erliegenden Sandgewicht und kehrt ins Lager zurück. 
Tags darauf wird es wieder im Sand unter dem Schatten des Baumes begraben 
und verbleibt dort bis zum Abend. Das geschieht fünf Tage lang. Nach seiner 
Bückkehr am Abend des fünften Tages wird das Mädchen von der Mutter 
mit einem Gürtel, einem Stirn- und einem Halsband aus Perlmuscheln ge- 
schmückt und um seine Arme, Handgelenke und über seine Brust werden 
grüne Papageienfedern gebunden; der Körper selbst wird vorn und hinten 
vom Gürtel aufwärts mit roten, weißen und gelben Klecksen bemalt. Nach 
der zweiten und dritten Menstruation wird das Mädchen in gleicher Weise 
im Sande begraben, bei der vierten darf es im Lager bleiben, indem es seinen 
Zustand bloß dadurch kennzeichnet, daß es einen Korb mit leeren 
Muscheln auf dem Rücken trägt.^ 

Nordamerika. Bei den Aht^ oder iVufÄra-Indianern auf Vancouver Island 
werden die Mädchen nach Erreichung der Pubertät in eine Art Galerie des 
Hauses gebracht und dort vollständig mit Matten umgeben, so daß weder die 
Sonne noch ein Feuer gesehen werden kann. In diesem Käfig ver- 
bleiben sie viele Tage. Sie erhalten Wasser, aber keine Nahrung. Je länger 
ein Mädchen in dieser Zurückgezogenheit bleibt, desto größer ist die Ehre 
für die Eltern; aber das Mädchen ist fürs Leben in Ungnade gefallen wenn 
bekannt wird, daß es ein Feuer oder die Sonne während seiner Ini- 
tiationsprüfung erblickt hat.^ Bilder des mythischen Donnervogels 
werden auf die Schirme gemalt, hinter denen das Mädchen sich ver- 
steckt. (Vgl. die siamesischen Luftgeister.) Während seiner Absonderung darf es 
sich weder bewegen noch niederlegen, sondern muß immer in einer hockenden 
Stellung sitzen.Es darf seinHaar nicht mit denHänden b erühren, wohl 
aber mit einem Kamm oder einem Stück Knochen kratzen, die eigens 
für diesen Zweck beschafft werden. Es ist dem Mädchen gleichfalls verboten 
seinen Körper zu kratzen, da man annimmt, daß jeder Kratzer eine Narbe 
hinterlassen würde. Nachdem es die Reife erlangt hat, darf es durch acht Monate 
keine frischen Speisen essen, insbesondere nicht Lachs. Ja das Mädchen mtiß 
für sich essen und eine eigene Schale und Schüssel benützen.3 

1) Walter E. Roth: North Queensland Ethnography. Bulletin No. 5, Superstition, 
Magic and Medicine (Brisbane 1905), S. 24 ff. 

2) G. M. Sproat: Scenes and Studies of Savage Life (London 868), iS. 93 £f. 

3) Franz Boas in Sixth Report on the North -Western Tribes of Canada, S. 40— 42 
(separate reprint from the Report of the British Association for the Advancement 



Die Putertätsriten der MäJcIie« und iLre Spuren im Märdien a3 



Bei den Tlmgit (Thlinkeet) oder Kolosh-lndiianem in Alaska pflegte 
ein Mädchen, wenn es Zeichen der Weiblichkeit verriet, in einer kleinen 
Hütte oder einem Käfig eingeschlossen zu werden, der als einzige Öff- 
nung ein kleines Luftloch besaß. In diesem dunkeln und schmutzigen 
Wohnort mußte es ein Jahr verbleiben, ohne Feuer, Bewegung oder Gefährten.^ 
Nur die Mutter und eine Sklavin durften der Jungfrau Nahrung bringen. Die 
Speisen wurden ihr durch das kleine Fenster hereingereicht und sie mußte 
aus dem Flügelknochen eines weißköpfigen Adlers trinken. Der Zeitraum 
ihrer Absonderung wurde später an manchen Orten auf sechs oder drei oder 
noch weniger Monate herabgesetzt. Sie mußte eine Art Hut^ mit breiten 
Krempen tragen, damit ihr Blick nicht den Himmel beflecke; denn man glaubte, 
daß sie nicht geeignet sei, von der Sonne beschienen zu werden, und daß 
ihr Blick das Glück eines Jägers, Fischers oder Spielers zerstören, Gegenstände 
in Stein verwandeln und anderen Unfug anstiften werde.3 Am Ende ihrer 
Isolierung wurden ihre alten Kleider verbrannt, neue angefertigt und ein Fest 
veranstaltet, bei dem parallel zum Munde ein Schlitz in die Unterlippe des 
Mädchens geschnitten und ein Stück Holz oder eine Muschel hineingesteckt 
wurde, um den Schlitz offen zu halten.^ 

Bei den Hareshin Ti«?ie/j-Indianern in Alaska wurde ein Mädchen zur Zeit 



of Science, Leeds meeting 1890). Das Verbot, sich niederzulegen, wird auch von 
TrirmÄian-Mädchen während ihrer Zuxückgezogenheit in der Pubertät beobachtet: sie 
sitzen immer aufgestützt zwischen Kästen und Matten, ihre Köpfe sind mit kleinen 
Matten bedeckt und sie dürfen nicht Männer, frischen Lachs und Olachen anschauen. 
Bei dem ß^u^ö-Stamm in BritiscK-Columbia sagt man: Ißt ein Mädchen zur kritischen 
Zeit frischen Lachs, so verliert es das Bewußtsein oder sein Mund wird zu einem 
langen Schnabel. — Einige Priesterkönige dürfen sich auch nicht niederlegen. Vgl. 
J. G. Prazer: TaLoo and the Perils of the Soul, S. 5 (Part II of The Golden Bough). 

i) Bei den Eskimo auf Alaska wird das Mädchen in eine kleine Hütte eingesperrt 
und muß sechs Monate auf den Händen und Knien bleiben. 

2I Bei^ den Haida-lr^Aianern auf Queen Charlotte Island tragen die Mädchen 
walu-end der Pubertät nahezu kegelförmige Kopfbedeckungen 

3) Bei mehreren Stämmen ist der Glauben verbreitet, daß schlechtes Wetter eintreten 
wurde, wenn das Mädchen auf den Himmel blickte oder sein Antlitz der Sonne zeigte. 

4} Bei Floß -Renz (Das Kind. Leipzig 1912, n. Bd., S. 746) ist von einem 
Silberstift die Rede, der als Zeichen der Reife hineingesteckt wird. — G. H. von 
Langsdorff; Reise um die Welt, II. (Frankfurt 1812), S. ii4ff.; H. J. Halmberg: 
Ethnographische Skizzen über die Völker des Russischen Amerika Acta Societatis 
Scientiarum Fennicae, IV. (Helsingfors 1856), S. 319 ff.; T. de Pauly: Descriptions 
Ethnographiques des Peuples de la Russie ^St. Petersbourg 1862). Peuples de P Am^ri- 
que Russe, S. 13; A. Erman: Ethnographische Wahrnehmungen und Erfahrungen an 
den Küsten des Bermgs-Meeres. Zeitschrift für Ethnologie, II. (1870) S ?i8 ff ■ 
H. H. Bancroft: Native Races of the Pacific States, I. (London 1875—1876) S noff - 
Rev. Sheldon Jackson: Alaska and its Inhabitants, The American Antiq^arian Ii' 
(Chicago 1879-1880), S. 111. ff.; A. Woldt: Capitän Jacobsens Reise an der Nord- 
westküste Amerikas, 1881-1885 (Leipzig 1884), S. 393; Aurel Krause: Die Tlinkit- 
Indianer (Jena 1885), S. 217 ff.; W. M. Grant in Journal of American Polk-Lore, I. 
(iö88j, S. 169; John R. Swanton: Social Conditions, Beliefs and Linguistic Relation- 



Alfred AV^interstein 



der Pubertät für fünf Tage in einer Hütte abgesondert, die eigens für den 
Zweck erbaut wurde; sie darf nur aus einer Röhre trinken, die aus den Knochen 
eines Schwans verfertigt wird, und weder den Knochen eines Hasen brechen 
noch Blut schmecken noch das Herz oder Fett von Tieren noch Vogeleier 
essen.' Bei den Tinneh-Indianem des mittleren Yukontales in Alaska dauert 
die Zeit der Klausur des Mädchens genau einen Mondmonat; denn es wird 
der Tag des Monats, an dem die Symptome zuerst auftreten, aufgezeichnet 
und die Novize bis zum selben Tage des nächsten Monats abgesondert. Ist es 
Winter, so wird ein Winkel des Hauses für sie durch eine Decke oder ein 
Segeltuch abgetrennt; ist es Sommer, für sie ein kleines Zelt in der Nähe des 
gemeinsamen aufgestellt. Dort wohnt und schläft sie. Sie trägt ein langes Kleid 
und eine große Kopfbedeckung, die sie, so oft sie die Hütte verläßt, über die 
Augen ziehen und bis zu ihrer Rückkehr unten lassen muß. Sie darf weder 
mit einem Manne sprechen noch sein Gesicht sehen, viel weniger seine 
Kleider berühren oder etwas, was ihm gehört; denn täte sie das, würde ihr 
zwar kein Übel widerfahren, aber der Mann würde unmännlich werden. Sie 
hat ihre eigenen Schüsseln, um daraus zu essen, und darf keine anderen be- 
nützen; in Kaitag muß sie das Wasser durch den Knochen eines Schwans 
einsaugen, ohne die Schale mit ihren Lippen zu berühren. Sie darf kein 
frisches Fleisch und keinen Fisch essen, ausgenommen das Fleisch des Stachel- 
schweins. Sie darf sich nicht entkleiden, sondern schläft mit allen ihren Kleidern, 
selbst mit ihren Handschuhen. Unter ihren Socken trägt sie unmittelbar auf 
der Haut die von den Füßen eines Stachelschweins abgeschnittenen Horn- 
sohlen, damit für den Rest ihres Lebens ihre Schuhe niemals abgenützt werden. 
Um die Hüften trägt sie eine Schnur, an der die Oberschenkel eines Stachel- 
schweins befestigt sind; denn von allen den Tinneh-Indianem bekannten Tieren 
leidet das Stachelschwein am wenigsten beim Gebären, es läßt ein- 
fach seine Jungen niederfedlen und geht oder springt weiter herum, als ob 
nichts geschehen wäre. Daher läßt sich vermuten, daß ein Mädchen, das 
diese Teile eines Stachelschweins um ihren Leib trägt, ebenso mühelos ent- 
binden wird wie das Tier. Falls jemand zufällig ein trächtiges Stachelschwein 
während der Klausur des Mädchens tötet, wird ihr, um ganz sicher zu gehen, 
der Fötus gegeben, den sie zwischen Hemd und Körper niedergleiten läßt, 
damit er wie ein kleines Kind zu Boden falle.^ Hier ist die Nachahmung der 
Gebvirt ein Stück homöopathischer oder imitativer Magie, welche die Absicht 
verfolgt, die Handlung zu erleichtem, die sie darstellt. Ähnliche Bräuche werden 
von den Thompson-ln^&nem in Britisch-Columbia^, den MasJcoki- (Fox-) Indianern 



ship of the Tlingit Indians, Twentysixth Annual Report of the Bureau of American 
Ethnology (Washington 1908), S. 428. 

1) Emile Petitot: Traditions Indiennes du Canada Nord-ouest (Paris 1886), S.z^jE. 

2) Pr. Julius Jette, S. J. : On the superstitions of the Ten'a Indians. Anthropos 
VI. (igii), S. 700 — 702. 

3) James Teit, The Thompsons Indians of British-Columbia, S. 311—517. (The 
Jesup North Pacific Eiqjedition. Memoir of the American Museum of Natural History, 
New York, April 1900.) 



Die Pubertätsriten der Aläddien und jlire Spuren int Alärtteri 



des westlichen Nordamerika (Sac- und Foxreservations)' und anderen Stämmen 
berichtet. 

Südamerika. Die Macusi in Britisch-Guayana sondern das zum erstenmal 
menstruierende Mädchen als „unrein" von allem Umgang mit den Bewohnern 
der Hütte ab. Die Hängematte des Mädchens wird „in die äußerste Kuppel- 
spitze" der Hütte gehängt, wo die Ärmste dem ganzen Rauche, der jetzt wo- 
möglich noch vermehrt wird, ausgesetzt ist. In der ersten Zeit darf sie tagsüber 
die Hängematte überhaupt nicht verlassen. Abends aber muß sie herunterkommen, 
sich an ein selbst angezündetes Feuer setzen und die Nacht an diesem zu- 
bringen; sonst bekommt sie eine Menge schKmmer Geschwüre am Halse, einen 
Kropf usw. Solange die heftigsten und auffallenden Symptome des physischen 
Übergangs anhalten, bleibt sie dem strengsten Fasten unterworfen. Haben die 
Schmerzen nachgelassen, dann darf sie aus der Höhe herabsteigen und einen 
kleinen Verschlag beziehen, der unterdessen im dunkelsten Winkel der Hütte 
hergerichtet worden ist. Am Morgen kann sie sich in einem eigenen Topfe, 
an einem besonderen Feuer ihren Kassawe-Brei kochen, der während der ganzen 
Absonderungszeit ihre einzige Nahrung bildet, bis etwa nach zehn Tagen der 
Piax (Zauberer, Arzt) erscheint und sie und alles, womit sie in Berührung 
kam entzaubert^ indem er das Mädchen imd die wertvolleren Sachen anbläst. 
Die von ihr gebrauchten Töpfe und Trinkschalen werden zertrümmert und 
die Scherben begraben. Nach der Rückkehr des Mädchens aus dem ersten Bade 
muß es sich während der Nacht auf einen Stein oder Stuhl setzen, wo es 
von der Mutter mit dünnen Ruten gegeißelt wird, „ohne einen Schmer- 
zenslaut ausstoßen zu dürfen, der die Schläfer in der Hütte aufwecken könnte, 
was ihr künftiges Wohl gefährden würde". Während der zweiten Periode 
findet diese Geißelung abermals statt, später nicht mehr. Das Mädchen kann 
jetzt wieder unter den anderen Leuten erscheinen, ist rein, und wenn es 
bereits versprochen sein soUte, erscheint am folgenden Tage der Bräutigam 
in der Hütte und führt die junge Braut heim.^ Bei anderen Indianern in 
Guayana herrscht wieder folgender Brauch. Nachdem sie die Pubertätskandi- 
datin in ihrer Hängematte einen Monat lang unter dem Hüttendach aufge- 
hängt haben, setzen sie sie den sehr schmerzvollen Bissen gewisser großer 
Ameisen aus.^ Es heißt, daß der Zweck der Ameisenstiche der ist, sie zum 
Ertragen der Last der Mutterschaft stark zu machen.''' 

Bei den Uaupes (Waup^s) in Brasilien werden die Mädchen bei Eintritt 
der Pubertät auf eine kärgliche Kost beschränkt und im oberen Teile der 
Hütte zurückgehalten, wo sie eine Emanzipationsprüfung diirch schwere Streiche 



1) Owen: Polk-Lore of the Musquakie Indians. London 1904, 

2) R. Schomburgk: Reisen in Britisch-Guiana II. (Leipzig 1847—1848), S. 515 fE.; 
C. F. Ph. von Martius: Zur Ethnographie Amerikas, zumal Brasiliens (Leipzig 1867), 
S. 644. 

3) Labat: Voyage du Chevalier des Marchais en Guin^e. Isles voisines et k 
Cayenne, IV, S. 565 ff. (Paris 1750), S. 170. (Amsterdam 1731). 

4) A. Gaulin: Historia Corographica natural y evangelica de la Nueva Andalucia 
(i779)> S. 95. 



Alfred Xv'^iiiterstejii 



mit schmiegsamen Ranken der %o-Pflanze zu überstehen haben. Sie empfangen 
von jedem Farailienmitgliede und Freunde mehrere Hiebe über den 
ganzen nackten Leib, die oft bis zur Ohnmacht, ja zum Tode führen. Diese 
Exekution wird in sechsstündigen Zwischenräumen viermal wiederholt; es gilt 
als eine Beleidigung der Eltern, nicht heftig zu schlagen.' 

Bei den Guaranis in Südbrasilien, an der Grenze von Paraguay pflegte 
man ein Mädchen nach Eintritt der Pubertätssymptome in ihre Hängematte 
einzunähen, wobei man nur eine kleine Öffnung zum Atemholen freiließ.^ 
Eingewickelt und eingehüllt wie ein Leichnam, verblieb die Kandidatin 
in dieser Verfassung zwei oder drei Tage oder solange eben ihre Symptome 
dauerten, und hatte während dieser Zeit ein sehr strenges Fasten zu beobachten. 
Nachher wurde sie einem alten Weibe anvertraut, das ihr die Haare schnitt 
und ihr zur Pflicht machte, jeglichen FleischgenußS unbedingt zu vermeiden, 
bis ihr Haar lange genug nachgewachsen wäre, um ihre Ohren zu verbergen. 
Unterdessen zogen die Wahrsager Schlüsse auf ihren zukünftigen Charakter 
aus den Vögeln oder Tieren, die vorüberflogen oder ihren Pfad kreuzten. 
Erblickten sie einen Papagei, so sagten sie, sie sei eine Plaudertasche. Sahen 
sie eine Eule, war sie faul und für häusliche Arbeiten nicht zu brauchen usw.* 
Unter ähnlichen Umständen zogen die Chiriguanos des südöstlichen Bolivien 
das Mädchen in ihrer Hängematte bis zum Dache hinauf, wo es einen Monat 
verblieb ; im zweiten Monat wurde die Hängematte bis zur halben Höhe vom 
Dache herabgelassen; und im dritten Monat betraten mit Stöcken bewaffnete 
alte Weiber die Hütte und liefen dort herum, indem sie alles, was ihnen in 
den Weg kam, mit der Begründung schlugen, daß sie die Schlange jagten, 
die das Mädchen verwundet habe. 5 Die Lmg^ta-Indianer im Gran Chako 
(Paraguay) hängen ein Mädchen nach Eintritt der Pubertät gleichfalls unterm 
Dache des Hauses auf. Ist sie genötigt, die Hängematte für kurze Zeit zu ver- 
lassen, so geben ihre Freunde sehr acht, um sie vor der Berührung des 
Boyrusu zu schützen, einer Fab elschlange, die sie verschlingen würde. 
Am dritten Tage läßt man sie von der Hängematte herabsteigen, schneidet 
ihre Haare und heißt sie in einem Winkel des Zimmers mit dem Gesichte 



1) A. R. Wallacer Narrative of travels on the Amazon and Rio Negro, S. 496 
(S. 545 of the Minerva Library edition, London 1889). 

2) Bei den Coroados (Puri) im südöstlichen Brasilien sollen die Mädchen die 
Zeit ihrer ersten Menstruation in einem Behälter (casca) aus Baumrinde zubringen. 

5) Bei den Indianern des südöstlichen Brasilien bestand nach den Berichten eines 
Reisenden des sechzehnten Jahrhunderts das gleiche Verbot für Salz. 

4) Jose Guevara: Historia del Paraguay, Rio de la Plata y Tucuman, S. 16 ff. 
m Pedr6 de Angelis, Coleccion de Obras y Documentos relativos a la Historia antigua 
y moderna de las Provincias del Rio de la Plata, vol. I (Buenos Aires 1856); 
J, P. Lafitan: Moeurs des Sauvages Ameriquains (Paris 1724), I, S. 262 ff. 

5) P^;re Ignace Chom6 in: Lettres ^difiantes et curieuses, Nouvelle edition 
(Paris 1780—1785), Vrir, S. 323; G.P. Phil. v. Martius: Zur Ethnographie Amerikas, 
zumal Brasiliens (Leipzig 1867), S. 212 ff.; CoWl G, E. Church: Aborigines of 
South America (London 1912), S. 207 — 227. 



Die Pubertatsriteii der Mäddieu uad ilire Spuren im MärtJi 



gegen die Wand sitzen. Sie darf mit niemand sprechen und muß sich vom 
Fisch- und Fleischgenuß enthalten. Diese strengen Bräuche muß sie 
fast ein Jahr lang beohachten. Viele Mädchen sterben oder sind für ihr Leben 
infolge der Mühsal beschädigt, die sie in dieser Zeit auszustehen haben. Spinnen 
und Weben ist ihre einzige Beschäftigung während der Isolierung.^ 

Bei den Tapuya, einem Zweig der Ges an der brasÜianischen Ostküste 
fand Johann Rabe um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts folgenden 
Brauch: Die Mutter meldete die eingetretene Reife ihrer Tochter den Priestern, 
die das Ereignis dem Häuptling hinterbrachten. Hierauf führte man diesem 
das rot angestrichene Mädchen mit bekränztem Haupte vor. Der Häuptling 
beräucherte sie und sich selbst mit Tabak und schoß einen Pfeil nach dem 
Kranze ab. Traf er so, daß Blut floß, dann leckte er dieses ab und das 
Mädchen hatte Hoffnung auf ein langes Leben. ^ 

Bei den Banivas im Gebiete des Orinoco muß ein Mädchen bei seiner 
ersten Menstruation einige Tage und Nächte in seiner Hängematte fast be- 
wegungslos zubringen und erhält als Speise und Trank bloß etwas Ä^Ä^ßwe-Brei 
und Wasser. Während sie dort liegt, halten die Bewerber bei ihrem Vater 
um ihre Hand an und dem, der am meisten geben kann oder sich als der 
tüchtigste Mann erweist, wird die Jungfrau versprochen. Ist die Fastenzeit 
vorüber, betreten einige .alte Männer die Hütte, verbinden der Novize die 
Augen, bedecken ihren Kopf mit einem Hut, dessen Fransen auf ihre Schultern 
fallen, führen sie hinaus und binden sie an einen Pfahl, der auf einem offenen 
Platz aufgestellt ist. Der Kopf des Pfostens ist nach Art eines grotesken Gesichtes 
geschnitzt. Nur die alten Männer dürfen Zeugen des Folgenden sein. Würde 
man eine Frau beun Zuschauen ertappen, würde es ihr übel ergehen; sie 
würde für die Rache des Dämons ausgezeichnet sein, der sie im nächsten 
Monat ihr Vergehen mit Wahnsinn oder Tod büßen lassen würde. Jeder 
Teilnehmer dieser Zeremonie erscheint bewaffnet mit emer Geißel aus Stricken 
oder Fischhäuten; manche verstärken die Kraft des Werkzeuges, indem sie 
kleine scharfe Steine an die Enden der Riemen binden. Dann bewegen sich 
die Manner zu den gräßüchen und betäubenden Klängen von Muscheltrompeten, 
die von zwei oder drei Uberzähligen geblasen werden, im Kreise um den 
Pfahl, wobei jeder im Vorübergehen mit seiner Geißel den Rücken des Mädchens 
bearbeitet, bis das Blut in Strömen hinunterfließt. Zuletzt nähern sich die 
Musikanten, indem sie gewaltige Hornstöße gegen den Dämon ertönen lassen, 
und bemhren den Pfosten, in dem er angeblich verkörpert ist. Dann hören 
die Schläge auf; das Mädchen wird, oft in ohnmächtigem Zustande, losgebunden 
und weggetragen, damit seine Wunden gewaschen und Heilkräuter aufgelegt 
werden. Der jüngste der VoUzieher oder richtiger der Exorzisten beeilt sich 
den versprochenen Ehegatten von dem glücklichen Ausgang der Austreibung zu 

1) A. Thouar: Explorations dans PAm^ricjue du Sud (Paris 1891), S. 48 ff.; G- Kurz e- 
Sitten und Gebräuche der Lengua-Tndianer. Mitteilungen der Geoffraphischen Gesell- 
schaft zu Jena, XXIH. (1905), S. 26 ff. 

2) O. Dapper: Umständliche und eigentliche Beschreibung von Afrika. Amster- 
dam 1670. 

Winterstein: Pubertätsriten der Mädchen. 



AlfreJ W mterstein 



benachrichtigen. „Der Geist", sagt er, „hat deine Gelieite in einen Schlaf 
versenkt, der fast so tief ist wie der des Todes. Doch wir haben sie 
von seinen Angriffen befreit und dort und dort niedergelegt. Geh sie suchen." 
Dann geht er durch das Dorf von Haus zu Haus und ruft den Bewohnern 
zu: „Kommt, laßt uns den Dämon verbrennen, der von dem Mädchen, unserer 
Freundin, Besitz ergriffen hätte." Der Bräutigam trägt sofort seine verwundete 
und leidende Braut in sein eigenes Haus; und alle Leute versammeln sich 
um den Pfahl um des Vergnügens willen, ihn und den Dämon zusammen zu 
verbrennen. Ein großer Scheiterhaufen ist inzwischen rundherum aufgeschichtet 
worden; die Weiber rennen um den Scheiterhaufen und verfluchen mit schrillen 
Stimmen den bösen Geist, der all das Übel angestiftet hat. Die Männer stimmen 
mit rauheren Lauten ein und feuern einander zu dem im Gange befindlichen 
Geschäfte durch tiefe Schlucke eines berauschenden Getränkes an, das für 
diese Gelegenheit von den Schwiegereltern bereitgestellt wurde. Bald erscheint 
der Bräutigam, nachdem er die Braut der Obhut seiner Mutter anvertraut 
hat, eine entzündete Fackel schwingend, auf der Büdfläche. Er wendet sich 
mit bitterem Spott und mit Vorwürfen an den Dämon, teilt ihm mit, daß 
das holde Geschöpf, gegen das er verruchte Absichten hegte, jetzt seine, des 
Bräutigams, blühende Braut sei, und indem er seine Fackel gegen das grinsende 
Haupt auf dem Pfahle schüttelt, ruft er aus: „Dies ist die Art, wie die 
Opfer deiner Verfolgung an dir Rache nehmen." Mit diesen Worten entzündet 
er den Scheiterhaufen. Auf einmal rühren sich die Trommeln, schmettern die 
Trompeten, und Männer, Weiber und Rinder beginnen zu tanzen. Sie tanzen 
in zwei langen Reihen, die Männer atif einer Seite, die Frauen auf der 
andern, indem sie vorgehen, bis sie einander fast berühren, und sich dann 
wieder zurückziehen. Hernach geben die zwei Reihen einander die Hände, 
bilden einen großen Kreis und hüpfen rings um die Glut, bis der Pfahl mit 
seinem grotesken Gesichte von den Flammen verzehrt ist und nichts vom 
Scheiterhaufen übrigbleibt als ein Häufchen rotglühender Asche. „Der böse 
Geist ist vernichtet worden. Auf diese Weise von ihrem Verfolger befreit, 
wird die junge Frau von Krankheit verschont bleiben, nicht im Kindbette 
sterben und ihrem Gatten viele Kinder gebären.'** Aus diesem Berichte geht 
hervor, daß die Banivas die Pubertätssymptome der Mädchen den 
ihnen von einem verliebten Teufel zugefügten Wunden zuschreiben, 
der nicht allein ausgetrieben, sondern am Pfahle zu Asche verbrannt werden 
kann.'^ 

Asien. Wenn ein Hindumädchen das Alter der Reife erreicht, wird es 
in einem dunkeln Zimmer vier Tage lang zurückgehalten und darf die 
Sonne nicht sehen. Sie wird als unrein betrachtet; niemand darf sie be- 
rühren. Ihre Diät beschränkt sich auf gekochten Reis, Milch, Zucker, Käse- 
quark und Tamarinde ohne Salz. Am Morgen des fünften Tages geht sie 
zu einer in der Nähe befindlichen Zisterne, begleitet von fünf Frauen, deren 



1) J. Chaffanjon: L'Orinoque et la Gaura (Paris 1889), S. 17 — 19. 

2) Die Bemerkung stammt von Frazer, a. a. O., I, S. 68. 



Die PuLertätsriten der M.äd<Jien und ikre Spuren inj iVtär«Jjeii 



19 



Männer leben. Die Frauen beschmieren sich mit Gelbwurzwasser, baden und 
kehren heim; die Matte und andere Dinge, die im Zimmer waren, werden 
dann weggeworfen.^ Die ÄarZii-Brahmanen von Bengal nötigen ein Mädchen 
in der Pubertät allein zu leben, und erlauben ihr nicht, das Gesicht eines 
Mannes zu sehen. Drei Tage bleibt sie in einem dunkeln Zimmer eingesperrt 
und hat geAvisse Kasteiungen durchzumachen. Fisch, Fleisch und Süßspeisen 
sind verboten; sie muI3 von Reis und zerlassener Butter leben. ^ Bei den Tijan 
in Malabar wird ein Mädchen vom Beginn seiner ersten Menstruation an 
durch vier Tage für unrein gehalten. Während dieser Zeit muß sie sich auf 
der Nordseite des Hauses aufhalten, wo sie auf einer besonderen Grasraatte 
schläft, in einem Zimmer, das mit Girlanden aus jungen Kokosnußblättern 
bekränzt ist. Ein zweites Mädchen leistet ihr Gesellschaft und schläft mit ihr, 
doch darf sie keinen anderen Menschen, keinen Baum und keine Pflanze be- 
rühren, Sie darf auch nicht den Himmel sehen und wehe ihr, wenn sie 
einer Krähe oder einer Katze ansichtig würde. Ihre Diät muß streng vege- 
tarisch sein, ohne Salz, Tamarinden oder Pfefferschoten. Sie ist gegen böse 
Geister mit einem Messer bewaffnet, das entweder auf der Matte liegt oder 
am Leibe getragen wird. 3 Bei den Kappüiyan von Madura und Tinnevelly 
gilt ein Mädchen bei seiner ersten Periode durch dreizehn Tage für unrein 
und muß sich entweder in einem Winkel des Hauses aufhalten, der für die 
Novize von ihrem mütterlichen Onkel abgeteilt wird, oder in einer Hütte, 
die eigens zu dem Zwecke von dem nämlichen Verwandten auf dem Gemeinde- 
grund errichtet wird. Am dreizehnten Tage badet sie in einer Zisterne und 
schreitet beim Betreten des Hauses über eine Mörserkeule und einen Kuchen. 
Nahe dem Eingange wird eine Speise hingestellt. Ein Hund darf davon kosten, 
aber sein Vergnügen wird durch Schmerzen beeinträchtigt; denn während er 
frißt, erhält er eine ordentliche Tracht Prügel, und je lauter er heult, desto 
besser, weil die Familie, die die junge Frau gebären wird, um so größer sein 
wird; heult der Hund nicht, dann wird es keine Kinder geben. Die provi- 
sorische Hütte, in der die Novize die Tage ihrer Absonderung zubrachte, wird 
niedergebrannt, die Töpfe, die sie gebrauchte, werden zu Scherben zerschlagen.* 
Ähnliche Sitten herrschen bei den Parivaram in Madura und den Pulavar von 
Travancore. Bei den Singhalesen wird ein Mädchen während der ersten Men- 
struation in ein Zimmer eingeschlossen, wo es weder einen Mann sehen noch 
von einem solchen gesehen werden darf. Nachdem die Klausur auf diese Weise 
zwei Wochen gedauert hat, wird die Jungfrau mit verhülltem Gesichte heraus- 
geführt und von Frauen auf der Rückseite des Hauses gebadet. In der Nähe 
des Badeplatzes werden Zweige irgendeines milchspendenden Baumes, gewöhn- 
lich des JaÄ:-Baumes, niedergelegt. In manchen Fällen verbleibt das Mädchen 

1) Shib Chunder Bose: The Hindoos as tbey are (London and Calcutta 1881), S. 86. 

2) H. H. Risley: Tribes and Gastes of Bengal. Ethnographie Glossary (Calcutta 
1891/92), I, S, 152. 

3) Edgar Thür st on: Gastes and Tribes of Southern India, VII (Madras iqoq), 
S. 65 ff. 

4) Edgar Thurston, a. a. O., III, S. 218. 



20 



AlfreJ AS^interslein 



während der Periode der Unreinheit in einer eigenen Hütte, die später nieder- 
gebrannt wird. ' 

In Kambodscha wird ein Mädchen nach Eintritt der Pubertät ins Bett 
unter einen Moskitovorhang gelegt, wo sie hundert Tage verbringen soUte. 
Gewöhnlich hält man aber vier, fünf, zehn oder zwanzig Tage für entsprechend 
lang; doch selbst das ist in einem heißen Klima und unter den dichten Maschea 
des Vorhanges genügend peinlich. = Nach einem anderen Berichte treten dort 
die Mädchen mit beginnender Reife „in den Schatten ein", und während sie 
vorher „Prohmacarey" , unantastbare Gattinnen Prah Ens (indras) waren, 
gelten sie jetzt als Gattinnen Reas (Ravanas) und auch in dieser Zeit wäre 
es ein Sakrilegium, sie zu verführen. Während ihrer Zurückgezogenheit, die 
je nach Rang und Stellung der FamUie von drei Tagen bis zu mehreren 
Jahren dauert, hat die Kandidatin eine Reihe von Verhaltungsmaßregeln zu 
beobachten: „Laß dich vor keinem fremden Manne sehen; schau einen solchen 
selbst verstohlenerweise nicht an; nimm wie die Bonzen deine Nahrung nur 
zwischen Sonnenaufgang und Mittag; iß nur Reis, Salz, Kokosnuß, Erbsen, 
Sesam und Früchte; enthalte dich von Fisch und jeghchem Fleisch. Bade dich 
nur, wenn die Nacht eingetreten ist, zu einer Stunde, wenn man die Menschen 
nicht mehr erkennt, damit du von keinem lebenden Wesen gesehen wirst." 
Im Dunkel der Nacht darf das Mädchen in Begleitung seiner Schwestern oder 
anderer Verwandter ausgehen. Sonst arbeitet es im Hause und darf weder in 
die Pagode noch sonst wohin gehen. Wird es aber dunkel, dann versieht es 
sich mit Betel und dem nötigen Zubehör, zündet Lichter und Räucherkerzen 
an und geht fort, um Rahu,^ den Urheber der Finsternis, anzubeten, auf^ daß 
es glücklich werde. Dann kehrt das Mädchen wieder „in den Schatten zu- 
rück. Dieser Zustand der Absonderung wird auch während einer Sonnen- oder 
Mondesfinsternis unterbrochen; in solchen Zeiten verläßt die Novize das Haus 
und bezeigt ihre Verehrung dem Ungeheuer, von dem man annimmt, daß es 
die Finsternisse dadurch verursacht, daß es die Himmelskörper zwischen seinen 
Zähnen festklemmt.* Die Erlaubnis, die Klausur zu durchbrechen und während 
einer Finsternis außer dem Hause zu erscheinen, zeigt, wie wörtlich die Ver- 
pflichtung genommen wird, die den Mädchen in der Pubertät verbietet, in die 
Sonne zu schauen. 5 Zum endgültigen Austritt aus der Zurückgezogenheit wählen 
wohlhabende Leute mit Vorliebe die Monate Januar, Februar oder Mai, wozu 
sie Bonzen kommen und beten lassen, vor denen sich das Mädchen nieder- 
wirft. Auch Nachbarn und Freunde werden zu diesem Feste geladen. Bei 

1) Arthur A. Perera: Glimpses of Singhaies e Social Life. Indian Antiquary XXXI. 
(1902), S. 580. 

2) J. Moura: Le Royaume du Cambodge (Paris 1883), I, S. 377. 

3) Aus den Berichten geht nicht mit Sicherheit hervor, ob Rahu mit Rea, dem 
Gatten der Pubertätskandidatin, identisch ist, 

4) ^Ltienne Aymonier: Notes sur les coutumes et croyances superstitieuses des 
Cambodgiens, CochinchineFrancaise: Excursions et Reconnaisances, No. i5 
(Saigon 1883), S. 193 ff. — Dieses Ungeheuer ist wohl mit Rahu identisch. 

5) Die Bemerkung stammt von Frazer (a. a. O., I, S. 70). 



Die Putertätsriteii Jer AlätJdien und ilire Spuren im Märclien 



21 



dieser Gelegenheit werden dem Mädchen ferner bisweilen gleich die Zähne 
gefärbt, statt, wie es die Regel ist, bis zur Hochzeit zu warten.' 

Beschneidung. Ähnlich wie die Knabenbeschneidung spielt auch die Be- 
schneidung bei den Pubertätszeremonien der Mädchen an vielen Orten eine 
wichtige Rolle. Wir werden uns darauf beschränken, im nachstehenden solche 
Fälle anzuführen, die auf einen Zusammenhang mit den Mädchenweihen 
schließen lassen, wenn dies auch aus den Berichten nicht immer ganz klar 
hervorgeht. Die zahlreichen Fälle der Beschneidung in einem anderen Alter 
sowie die von der Beschneidung abweichenden sexuellen Operationen, die am 
weiblichen Geschlechte bei manchen Völkern vorgenommen werden, sollen 
hier unberücksichtigt bleiben (künstliche Verlängerung der weiblichen Geni- 
talien, Infibulation, Deflorierung im Kindesalter, ^ operative Eingriffe in die 
Eierstöcke). 

In Persien ist es nach Chardin^ bei einigen Nomadenstämmen Brauch, 
die Mädchen mit Eintritt der Pubertät zu beschneiden. Die Beschneidung der 
mannbaren Mädchen war im alten Ägypten ein feierlicher Akt, nach dessen 
Vollzug diese als heiratsfähig galten. Von großer ethischer, sozialer und reli- 
giöser Bedeutung ist die Beschneidung bei den Kihuyu in Britisch-Ostafrika, 
Cayzac''' bezeichnet diese Operation, der sich die Knaben und Mädchen nach 
Eintritt der Geschlechtsreife unterwerfen müssen, als den wichtigsten und 
feierlichsten Ritus im Leben der Kikuju. Am Vorabend statten die Kandidaten 
dem „heiligen Baum", dem Baume Gottes und Tempel des Ortes, einen Besuch 
ab, um ihm singend zu verkünden, daß sie nun das Kindesalter hinter sich 
haben und zur Würde eines Mannes und eines Weibes gelangt sind. Jedes 
schneidet von dem heiligen Baum einen Zweig ab, um ihn am folgenden 
Tage, während der Operation, neben sich zu legen. Am Morgen des Beschnei- 
dungstages begleitet man die Kandidaten beiderlei Geschlechtes in Prozession 
zu dem Fluß, in den sich diese dann stürzen. Hierauf werden sie unter Sieges- 
rufen auf die Besehneidungsstätte geführt. Auch dieses Bad ist nach Cayaac 
ein Beweis für die sittlich-religiöse Bedeutung der Beschneidung. Es bedeutet 
für den Kikujru das gleiche wie diese selbst, d. h. Reinigung von der Sünde. 
Daher hat dort der Ausdruck „sich in den Fluß stürzen" den gleichen Sinn 
wie „sich beschneiden lassen". Nach der Auffassung der Kikuyu ist die durch 
die Beschneidung wegzunehmende Sünde die Ursache aller Übel, auch des 
Todes; mit der Sünde kann man nur Blutsverwandte infizieren,^ 
die Sünde, also auch die Ursache aller Übel, wird hauptsächlich durch die 
Zeugung auf die Nachkommen übertragen. Deshalb müssen beide Geschlechter 
beschnitten werden, ehe sie der Zeugung fähig sind; denn nur so sind ihre 



1) Anonymus im Globus, Bd. 48, S. 109 £ - 

2) Die künstliche Deflorierung zur Zeit der Pubertät behandle ich auch in diesem 
Abschnitt, wenngleicli sie nicht als Beschneidung im strengen Sinne des Wortes auf- 
zufassen ist. 

3) Ghardin: Voyage en Perse, X, S. 76, ed. Amsterdam. 

4) Cayzac: La religion des Kihujru (Afrique Orientale). Anthropos V, 1910. 
5J Von mir gesperrt. 



32 



Alfred Winterstein 



Nachkommen vor dem Übel geschützt. Es gilt als Sünde, wenn em Madchen 
die erste Regel hat, ehe sie beschnitten ist. Der frühere Brauch, daß nacli 
der Beschneidung Burschen an einem abgelegenen Ort ein altes Weib zum 
ersten Koitus mißbrauchten^ und hierauf zu Tode steinigten, um den 
nach ÄifejM-Glauben auf den ersten Koitus folgenden Tod^ auf dieses 
Weib m wälzen, hatte seine ParaUele in dem Brauch der beschnittenen Mad- 
chen sich nach der Operation mit einem unbeschnittenen Knaben zu verbinden. 
Getötet brauchte dieser deshalb noch nicht zu werden, weil der Unbe- 
schnittene noch nicht als Mensch galt. Nachdem die Kandidaten beider 
Geschlechter beschnitten sind, führen die männlichen Mitglieder des Stammes um 
die Burschen, die weiblichen um die Mädchen einen Tanz auf; man hüllt 
die auf der Erde sitzenden Beschnittenen so in Leder,^ daß nur der Kopf 
frei bleibt, die Angehörigen schütten ihnen Ströme von Milch über den 
Kopf und Körper und nun gelten die jungen Leute als Erwachsene und 
Stammesmitglieder. Mädchenbeschneidung erwähnt Ploß^ auch bei den ^Fa- 
hamba, Waniha und Wadschagga, Auch von den ostafrikanischen Wapohorno, 
einem NachbarvoUte der Somali, den Wahoni und Wasanja wird Ähnliches 
berichtet, wenn sie auch dort nicht so allgemein zu sein scheint. 

Über die Mädchenbeschneidung bei den im nördlichen ehemaligen Deutsch- 
Ostafrika lebenden Massai und Balulia liegen ausführHche Schilderungen vor. 3 
Die Mädchenbeschneidung findet bei den Massai meist zvdschen zwölf und 
vierzehn Jahren statt, d. h. wenn die schon vorher im Kriegerkraal zügellos 
lebenden Mädchen merken, daß ihre Reife herannaht. Dann verlassen sie den 
Kraal begeben sich zu ihren Müttern und diese verabreden sich unteremander 
über den Tag einer gemeinschaftlichen Operation. Steht eine Knabenbeschnei- 
duns bevor so wartet man diesen Tag ab, wäMt jedoch einen anderen Ort, 
häufig die mütterliche Hütte. Am Tage vor der Operation rasiert man den 
Mädchen das Kopfhaar ab. Die Beschneidung besteht im Abtrennen der Kh- 
toris die vorher mit kaltem Wasser unempfindhch gemacht wird. Wahrend 
der Handlung sitzt das Mädchen auf einem langen, schmucklosen Lederschurz, 
der nun an Stelle der bisherigen Kleidung tritt. Als Operateurin fungiert die 
weise Frau- die unbedeutende Wunde whd mit Milch gewaschen. 

Die Mädchen der Bahdia werden im Alter von neun bis zwölf Jahren 
beschnitten. Auch hier sind die sogenannten weisen Frauen, sonst Geburts- 
helferinnen die Operateure. Die von den weisen Frauen gegebenen Lehren 
beziehen sich besonders auf das Geschlechtsleben, doch auch auf das sonstige 
Verhaken für die Zukunft. Diese Frauen bleiben die Beraterinnen der Be- 
schnittenen für das spätere Leben. Die Operation, Abtrennen der KHtoris, 
findet statt, während die Mädchen sitzen. Unmittelbar darauf folgt das Rasieren 
des Haupthaares. Die Heilung, die durch nichts unterstützt v^ärd, warten die 
Mädchen in den Hütten ihrer Mütter ab, worauf wie bei den Knaben große 



1) Von mir gesperrt, 

2) Floß: Das Kind. 2. Aufl. I, S. 562 ff. 

51 Max Weiß: Land und Leute von Mpororo. Globus 91 und 97. 



Die Putertätsriteu Jer Mädchen. unJ iLre Spuren im Märdien a3 



Tanzfeste stattfinden, und zwar auf dem Tanzplatze der Knaben, doch ohne 
daß sich die Mädchen unter die Gruppen der Knaben mischen. Nach der 
Beschneidungsfeier eröffnen die Mädchen offiziell den geschlechdichen Verkehr ; 
sie empfangen die gewählten Jünglinge in den Hütten ihrer Mütter. Zu der 
phantastischen Ausstattung der beschnittenen Mädchen gehört unter anderem 
ein Kürbistopf (sexuelles Symbol). Zirkumzision der Mädchen erwähnt Ploß^ 
von den Bewohnern Londus in Uganda (Britisch- Ostafrika); bei den Wagaya 
am Victoria Nyansa (früheres Deutsch-Ostafrika) ist Exstirpation der Klitoris 
gebräuchlich. Bei den Mandingo^ am oberen Senegal und Niger findet die 
Beschneidung der Jugend beiderlei Geschlechtes nach Eintritt der Pubertät 
mit großer Feierlichkeit statt. In Deutsch-Togo ^ unterwerfen die Yoruba- 
Stämme ihre Töchter vor der Verheiratung oder im Alter von etwa vierzehn 
bis siebzehn Jahren der Exzision. Im letztgenannten Falle führen die be- 
schnittenen, noch unverheirateten Mädchen ein zügelloses Leben. Alte Frauen 
vollziehen mit denselben Worten und dem gleichen Ritus wie die Männer 
bei den Knaben die Operation (der Beschneider sagt nämlich, ehe er das 
Präputium in das zu dem Zwecke gegrabene Grübchen legt: „Dank, Dank 
gebührt Gott. Ich weiß nichts; ich bin ein kleines Kind.")* Das Grüb- 
chen wird hierauf mit Erde bedeckt. Als zugestandene Vorbereitung zur Ehe 
fand Archibald Hewa^n^ die Mädchenheschneidung in Alt-Calabar, Britisch- 
Nordwestafrika. J. B. Douville^ berichtete aus Loanda, Portugiesisch-Süd- 
westafrika, daß dort die Mädchen acht Tage vor der Hochzeit beschnitten 
werden. Der Zauberer schließt sich in dieser Zeit mit der Braut in einer ab- 
gesondert gelegenen Hütte ein, wo er die Operation ausführt. Nach Ablauf 
der acht Tage wird die Braut feierlich von ihren Verwandten abgeholt. Daß 
auch in Portugiesisch-Ostafrika bei den Atchuabo Beschneidung der Mädchen 
stattfindet, wissen wir bereits. Die namungu, die Zeremonienaufseherin, schnei- 
det mit einem Messer an den Geschlechtsteilen; das Blut und das, was abge- 
schnitten ist, wird begraben. Die Jtamungu hat während der Operation, über 
die nichts Näheres verlautet, eine weiße Maske vor dem Gesicht. Die Ein- 
geborenen sagen, weiß sei die Farbe der Verstorbenen, der Geister. Als Gründe 
für das Schneiden werden angegeben: „damit das Mädchen Einsicht habe, 
Geheimes zu reden, mit den Augen zu reden, sexuelle Dinge mit Männern 
zu tun."^ Bei den Bamangivato im südlichen Afrika wird die Beschneidung 
an vierzehnjährigen Mädchen vorgenommen, die bei dieser Gelegenheit phan- 
tastisch gekleidet umherziehen, wobei sie eine Geißel mit Domenzweigen 
schwingen, die gleichalterigen Burschen verfolgen und peitschen. Wer die 



1) Ploßr Das Kind. 2. Aufl., I, S. 374. 

2) Layaille: Reise nach Senegal. Weimar 1802; Mungo Park: Reisen im Innern 
von Afrika. Berlin 1799, S. 258. 

g) Fr Müller: Fetischistisches aus Atakpame (Deutsch-Togo). Globus 81, S. 28t. 

4) Von mir gesperrt. 

5) Arch. Hewan im Edinborough med. Journal 1864, CXI, S. 219. 

6) J. B. Douville: Voyage au Congo. Vol. L Stuttgart 1852/55. 

7) P. Michel Schulien a. a. O. S. 92. 



24 



Allred Wjiiterstein 



Marter ruhig hinnimmt, gilt als reifer Mann.' Auch von den Makatisses wird 
Mädchenbeschneidung zur Pubertätszeit erwähnt. Bei den Amasoka-KaÜem. 
werden die Kinder bis zur Beschneidung als unrein angesehen. 

Auf Java und anderen Inseln des malayischen Archipels unterwirft man die 
Mädchen der Beschneidung zur Zeit des zweiten Zahnens. Die Operation besteht 
nach F. Epp^ in der Beschneidung der Nymphen. Als Grund dieser Operation 
gibt Epp die bedeutende Größe und Erschlaffung der Schamteile an; beides 
werde durch die dort herrschende Onanie und große Tätigkeit der Geschlechts- 
teile herbeigeführt. Über Celebes schrieb J. G. F. Riedel,^ daß in den dortigen 
Landschaften Holontala, Bone, Boalemo und Katringgola die Mädchen in ihrem 
neunten oder zwölften oder fünfzehnten Jahr beschnitten werden. Die Operation 
wird von weiblichen Personen vollzogen. 

Bei den Stämmen im Innern von Australien bildet das Einreibender 
Brüste mit Fett und rotem Ocker die erste der Initiationszeremonien des 
weiLhchen Geschlechtes. Die zweite Zeremonie besteht im Öffnen der Vagina, 
welches der Subinzision des männlichen Geschlechtes entspricht und als atna 
arütha huma bezeichnet wird. Bei allen von Spencer- Gillen* beobachteten 
Stämmen, von den Urabunna im Süden bis zur Westküste des Golfes von Car- 
pentaria wird das Mädchen nach der atna arütha huma bestimmten Männern 
zur Verfügung gestellt und erst dann seinem eigentlichen Ehemann übergeben, 
der die Frau aber auch wieder herleihen muß. 

Was die Einzelheiten dieser Operation betrifft, so stimmen sie der Haupt- 
sache nach bei den verschiedenen Ständen überein. Das Alter der Mädchen ist 
gewöhnlich vierzehn oder fünfzehn Jahre. Die Operation wird zumeist von 
einem älteren Verwandten oder von einer älteren Schwester der Kandidatin 
ausgeführt. Nach der Operation verbinden sich, wie gesagt, Verwandte ver- 
schiedensten Grades mit dem Mädchen, als erster bisweilen der Operateur selbst, 
als letzter regelmäßig der eigentliche Gatte. Die leiblichen Brüder sind vom 
Zutritt zur Operation ausgeschlossen, die Schwiegermütter und deren Brüder 
dürfen bei der Operation nicht zuschauen. 

Floß 5 erwähnt folgende australische Formen, die Vagina der Mädchen 
zu öffnen: Wenn am Peakefluß, Südaustralien, einem jungen Mädchen die 
Brüste schwellen und sich ein Haarwuchs zeigt, wird sie von einigen älteren 
Männern an einen einsamen Ort geführt. Dort wird sie niedergelegt, ein Mann 
hält ihre Arme, zwei andere halten die Beine; der vornehmste unter ihnen 
führt dann zunächst einen Finger in die Vagina,^ dann zwei, zuletzt vier. 



1) Ghapmaii: Das Ausland, 1868, S. 1085, 

2) F. Epp; Allg. med. Centraizeitung 1855, S. 57. 

5") J, G. F. Riedel: Zeitschrift für Ethnologie 1871, S. 402. Femer: De sluik- 
en Kroesharige Rassen tuschen Selebes en Papua. s'Gravenhage 1886. 

4) B.Spencer and J. F. G illen: The native tribes of Central Australia. London 1899. 

5) Floß: Das Kind. I, S. 376. 

6) Bei den Stadtarabem und Fellachen in Ägypten defloriert der Bräutigam die 
Braut feierlich mit dem Finger. In Kambodscha defloriert der Priester die Braut mit 
einem Finger, den er in Wein getaucht hat. 



Putertätsriteii der ÄiäJdieii uiit! iLre Spuren iiii Älärdien 



25 



Zurückgekehrt zum Lagerplatz, kann das arme Geschöpf infolge der Mißhand- 
lung drei bis vier Tage den Platz aus Schmerz nicht verlassen. Sobald es ihna 
möglich ist, geht es fort, wird aLer von den Männern in jeden Winkel ver- 
folgt und muß sich den Koitus von vier bis sechs von ihnen gefallen lassen. 
Dann aber lebt derjenige, mit dem das Mädchen als Kind versprochen worden 
war, mit ihr als Gattin. Bei den Einwohnern von Charlotte Waters und 
Alice Springs besteht dieselbe Sitte, doch gebraucht man hier zur Zerstörung 
der Hymen einen Stein und an Stelle der Finger einen Stock. 

Bei den Conibos, einem Zweige der Parao-Indianer im nordöstlichen Peru, 
werden nach Berichten von Alfred Reich und Felix Stegelmann^ Zirkumzision 
und Öffnung der Vagina geübt. Sobald ein Mädchen zur Reife gelangt ist, wird 
ein Fest veranstaltet, bei dem der Maschato, ein aus Maniokwurzeln gebrautes 
berauschendes Getränk, eine große Rolle spielt. Das Mädchen wird bis zur 
Sinnlosigkeit trunken gemacht und dann der Operation unterzogen. Ein altes 
Weib führt sie in Gegenwart des tobenden Stammes mit einem Bambusmesser 
aus, während das Mädchen auf drei Pfählen ausgespannt liegt. Sie umschneidet 
den Introitus vaginae, trennt das Jungfernhäutchen von den Schamlippen los 
und legt damit die Klitoris frei. Hierauf bestreicht sie die blutenden Teile mit 
Medizinkräutern und führt nach einer Weile einen aus Lehm geformten und 
etwas befeuchteten Penis, der jenem des Verlobten in der Größe genau ent- 
sprechen soll, in die Scheide ein. Eine ähnliche Beschreibung^ liegt von den 
Indianern in Peru am Flusse Ucayali vor, die man mit dem Namen 
Campas bezeichnet. Von den Panos „der Landschaft Maynas" (im heutigen 
Ecuador) erfuhr schon Missionar Franz Xaver VeigP im achtzehnten Jahr- 
hundert, daß sie früher Mädchenbeschneidung übten. Als Grund gaben sie an, 
man habe beschnittene Weiber für ihren natürlichen Beruf geschickter gehalten. 
Bei den Ticunas,^ einem aussterbenden Stamm am oberen Solimoes, erhalten die 
Beschnittenen beiderlei Geschlechtes gleich nach der Operation einen Namen, 
der gewöhnlich von einem Vorfahren genommen wird. 

Ein so weitverbreiteter Brauch wie die Absonderung der Mädchen 
zur Zeit der Pubertät scheintauch seine Spuren im Märchen hinterlassen 
zu haben. Ich will damit freilich nicht behaupten, daß sich die Märchen- 
motive Zug für Zug in äußerlicher Weise als Reminiszenzen der Pubertäts- 
zeremonien darstellen müssen; vielmehr lege ich das Gewicht auf den 
psychischen Inhalt dieser Zeremonien und meine, daß sich dieser Inhalt 



1) Alfred Reich und Felix Stegelmann: Bei den Indianern des Urubamba und 
des Envira. Globus 83, S. 154 f. 

2) PloD: Das Kind. 2. Aufl., I, S. 582; E. Grandidier: Nouvelles annales des 
voyages 1861 u. 1862; v. Martins: Zur Ethnographie Amerikas, zumal Brasiliens. 
Leipzig 1867. 

5) Franz Xavier Veigl: Gründliche Nachricht über die Verfassung der Landschaft 
von Maynas in Südamerika bis zum Jahre 1768. Nürnberg 1798. 

4) v. Spix und v. Martins: Reise nach Brasilien (1817—1820). München 1825. 



Alfred Winters tein 



ebensowohl in einem Zerennoniell wie in einem Märchen aussprechen kann, 
wobei allerdings ein langes geübtes Zeremoniell eine gute Stütze für ein 
Märchen abgeben kann. Auf den Zusammenhang zwischen diesen Isolierungs- 
bräuchen und den Märchen, namentlich jenen einer bestimmten Gattung, 
haben bereits verschiedene Forscher hingewiesen, so Adolf Thimme,^ 
J. G. Frazer^ undzuletzt Herbert Silberer.3 Adolf Thimme schreibt (S. 40) : 
Geheimnisvoll erschien den Naturvölkern von je das Auftreten der Menstrua- 
tion bei heranwachsenden Mädchen. Das Blut wurde als ein böser Zauber- 
saft gefürchtet; infolgedessen wurden solche Mädchen oft in harter, auch 
unterirdischer Gefangenschaft gehalten. Daraus entsteht das Motiv vom Gift- 
mädchen und das Motiv von den eingesperrten Mädchen, die Danae, Mandane, 
Rhea Silvia, Hero oder Rapunzel heißen." Da Frazer die Vermeidung des 
Anblicks der Sonne als ein Hauptverbot des Pubertätsexils der Mädchen be- 
trachtet, führt er bloß Märchen an, die das Motiv der Befruchtung oder 
Verzauberung durch die Sonne enthalten. Silberer, der sich für die Grup- 
pierung des Märchenmaterials auf eine Arbeit von Paul Arfert* stützt, er- 
innert in unserem Zusammenhange zunächst an die Einleitung der Märchen 
von der Gattung der Brangäne-Erzählung^ (in der Tristanerzählung opfert 



1) Adolf Thimme: Das Märchen. Leipzig 1909. 

2) Frazer, a. a. O., Vol. I, S. 70 ff. 

5) In einer nicht veröffentlichten Arbeit „Die falsche Braut", in die ich mit freimd- 
licher Erlaubnis der Witwe des Verfassers Einsicht nehmen durfte. 

4) Paul Arfert: Das Motiv von der unterschobenen Braut in der internationalen 
Erzählungsliteratur. luaugural-Dissertation, Universität Rostock. Schwerin 1897. — 
Josef Hanika bespricht in seiner volkskimdlichen Untersuchung über „Die falsche 
Braut" (Sonderdruck aus der „Heimatbildung", Monatsblätter für heimatliches Volks- 
bildungswesen, Reichenberg) einen deutschen Brauch, den er aus dem Zusammen- 
hange mit jenen von Arfert behandelten wohl sehr alten, gemeinindogermanischen 
Bräuchen löst. Er schlägt für diesen Hochzeitsbrauch die Bezeichnung ,jAlte Braut" 
oder Verlassene Braut" vor. Hier spielt sich ein steinaltes Weib als verlassene Braut 
des jungen Bräutigams auf. Hanikas historische Erklärung, die an sich richtig sein 
mag, wird der unbewußten Bedeutung dieses Brauches natürlich nicht gerecht. 

5) Unter dem Namen „Braugänemärchen" faßt Arfert Novellen, Romane und 
Volkslieder zusammen, in denen das Motiv der Brautunterschiebung folgende Gestalt 
angenommen hat: Eine Jungfrau, die durch List, Gewalt oder eigene Schuld ihre 
Ehre verloren hat, sucht die Verlegenheit der Brautnacht dadurch zu beseitigen, daß 
sie eine ihr ergebene Person bewegt, ihre Stelle im Brautbett einzunehmen. Gemein- 
sam ist den Brangänemärchen übrigens der Verlauf, „daß ein Mädchen sich bei einem 
Jüngling, auf den es von früher her Ansprüche hat und der im Begriffe steht sich 
zu verheiraten, unerkannt in dienender Stellung aufhält. Da sich nun die neue Braut 
durch irgendwelche Umstände (in den meisten Märchen sieht sie der Geburt entgegen; 
andere suchen diesen anstößigen Grund durch einen milderen zu ersetzen) verhindert 
sieht, selbst die Ehe zu vollziehen, bittet sie das Mädchen, ihre Stelle bei der Hoch- 



Die Pulieitätsriteii der n und ilire jSpiJren im eil 



27 



bekanntlich Brangäne an Isoldes Stelle in der Brautnacht ihre Reinheit dem 
König Marke) : „ Die Mehrzahl dieser Märchen zeigt den typischen Eingang, 
daß die Heldin von ihrem tyrannischen Vater eine bestimmte Zeit in einem 
Turm eingeschlossen wird, aus dem sie sich erst nach vielen Jahren be- 
freien kann." ^ Er bemerkt ferner, daß dieses Motiv des Gefangenseins (oft 
in einem Turme mit Betonung der Höhe, vgl. Rapunzel, Grimm, K. H.M. is) 
auch sonst in Märchen beliebt ist und daß dazu ein Unhold als Verwahrer 
oder eine Alte im Walde als Ernährerin häufig auftritt. Das von dem 
harten Schicksal betroffene Mädchen pflegt eine Prinzessin zu sein ; sie wird 
von einem Prinzen aus ihrem Gefängnisse befreit oder macht sich sonstwie 
frei und gewinnt dann einen Prinzen zum Gemahl. 

Zum besseren Verständnis der folgenden Märchen sei vorerst auf einige 
typische Züge der Pubertätsriten der Mädchen nochmals verwiesen: daß 
nämlich häufig das Mädchen oder eine Gruppe von Mädchen in die Obhut 
einer alten Frau kommt, daß Frauen ihr das karge Essen in die Einsam- 
keit bringen, daß das Exil einer Tötung (Verschlungenwerden) und Wieder- 
geburt entspricht, daß an den Kandidatinnen verschiedenartige sexuelle Opera- 
tionen vorgenommen werden, daß die Mädchen im Exil oft Arbeiten ver- 
richten oder üben müssen, daß das Essen und Trinken unter bestimmte 
Regeln gebracht ist Und daß schließlich die Vorschriften bei Mädchen 
hoher Herkunft (Königs- oder Häuptlingstöchtern) besonders streng gehand- 
habt werden. 

Nr. 1. Schwedisch:^ Ein König schließt seine Tochter, die wider 
seinen Willen einen Prinzen heiraten will, mit sieben Mädchen und Vor- 
räten für sieben Jahre in eine Höhle ein; dann zieht er in den Krieg, aus 
dem er nicht wieder heimkehrt. Von den sieben Mädchen stirbt jedes Jahr eines 
und nur der Prinzessin gelingt es endlich mit Hilfe eines Hundes, 
lebend aus dem Turm herauszukommen. Nach langer Wanderung gelangt 
sie zu einem Köhler, der ihr eine untergeordnete Stellung in dem Haus- 
halte jenes Prinzen verschafft, dem sie einst ihre Liebe geschenkt hatte. 
Kurz darauf wird am Hofe eine Hochzeit gerüstet; denn der Königssohn wiU 
sich verheiraten. Seine Braut, welche eine nicht vorwurfsfreie Vergangen- 
heit hinter sich hat, fühlt ihre Niederkunft herannahen. Auf ihre Bitte legt 
die Heldin die Brautgewänder an und fährt für sie zur Kirche. Auf dem Wege 



zeit einzunehmen. Dieses tritt schließlich aus seiner Verhorgenheit heraus und nimmt, 
nachdem alles entdeckt ist, den nun ihm gebührenden Platz als Gemahlin des Jüng- 
lings ein" (a. a. 0. S. 6 u. 54, 1). 

1) Arfert, a. a, 0. S. 34, 2. 

2) Bondeson: Historiegubbar pä Dal. Stockholm 1886, S. 22. — Arfert, a. a. 0. 
S- 34- . . .■ 



28 



Alfred W^intersteiii 



murmelt sie allerlei Sprüche, welche die rechte Braut nach dem Rücktausche 
nicht wiederholen kann, auch vermag sie nicht ein Geschenk, das der Prinz in 
der Kirche seiner eben angetrauten Gemahlin gegeben hat, vorzuzeigen. So er- 
folgt die Entdeckung des Brauttausches und die Heldin offenbart, wer sie ist. 

Nr. 2. In dem bekannten deutschen Märchen von der Gänsemagd (Grimm, 
K. H. M. Nr. 89) haben wir eine Anspielung auf den Glauben, daß die Über- 
tretung der Nahrungsgebote böse Wirkungen habe, in dem verderblichen Trinken 
und wieder die niedrige Arbeit. 

Nr. 5. Aus Hessen (Grimm, K. H. M. Nr. 49 „Die sechs Schwäne"). Ein König 
verirrt sich auf der Jagd im Wald. Eine alte Hexe weist ihm den Ausweg dafür, 
daß er ihre Tochter, ein wunderschönes Mädchen, zur Frau nimmt. Der König 
ist schon einmal verheiratet gewesen und hat von der ei-sten Gemahlin sechs 
Knaben und ein Mädchen. Weil er nun fürchtet, die Stiefmutter möchte sie nicht 
gut behandeln, verbirgt er die Kinder in einem einsamen Schloß mitten im Wald. 
Der Stiefmutter fällt die häufige Abwesenheit des Königs, der seine Kinder be- 
sucht, auf. Sie kommt hinter das Geheimnis und bringt den Kindern behexte 
Hemden, durch die sie in Schwäne verwandelt werden, bis auf das Mädchen, das 
gerade im Innern des Waldschlosses verborgen ist. Das Mädchen macht sich auf 
den Weg, die Brüder zu suchen. Es kommt im Wald in eine Wildhütte, wo es 
sechs Betten findet. Es beschließt, die Nacht da zuzubringen. Bei Sonnenunter- 
gang kommen die Schwäne geflogen. „Wir können nur eine Viertelstunde lang 
jeden Abend unsere Schwanenhaut ablegen." Die Bedingungen für die Erlösung 
sind: „Du darfst sechs Jahre lang nicht sprechen und nicht lachen und 
mußt in der Zeit sechs Hemden aus Sternblumen für uns zusammennähen." 
Das Mädchen verläßt die Hütte, sammelt Sternblumen, geht mitten in den Wald, 
steigt auf einen Baum und näht da. Jäger kommen und rufen es an; es 
gibt keine Antwort. Die Jäger bringen das Mädchen dem König. Der heiratet 
die scheinbar Stumme. Die böse Mutter des Königs beseitigt die Kinder, die sie 
gebiert, und beschmiert ihr den Mund mit Blut, daß es aussieht, als wäre sie 
eine Menschenfresserin. Beim dritten Male wird die Königin zum Tode durch 
das Feuer verurteilt. Der Hinrichtungstag ist der letzte Tag der sechs Jahre, in 
welchen sie nicht sprechen darf. Die sechs Hemden sind fertig, bis auf einen 
Ärmel. Wie sie schon auf dem Scheiterhaufen steht, kommen die Schwäne ge- 
flogen und sind erlöst, nur dem Jüngsten bleibt statt des Armes ein Flügel. Die 
Königin redet wieder, alles klärt sich auf, die böse Mutter wird verbrannt. 

Nr. 4. Französisch:^ Ein König und eine Königin haben zwei Söhne und 
eine Tochter. Bei der Geburt des Mädchens haben die Feen den Eltern ver- 
kündet, daß sie ihre Brüder einst in großes Unglück stürzen würde. Der 
Vater schließt sie in einen Turm, um das UnheU abzuwenden; allein, als 
er gestorben ist, lassen die Brüder die Schwester frei. Eines Tages wünscht 
sie sich den König der Pfauen zum Gemahl. Die Brüder wandern aus, 
ihn zu suchen. Sie finden ihn endlich, er begehrt ihre Schwester zur Gemahlin. 



1) Madame d'Aulnoy: Cabinet de Pees. Paris 1758, II, S. 250. — Arfert, 
a. a. 0. S. 11. 



Die Putertätsriteii der Mäclclieii iiiij iLre Spuren im Märien 



Auf der Reise zu ihm wird sie von der Amme und deren Tochter ins Meer 
gestoßen. Der König, entrüstet über die HäßHchkeit der falschen Braut, der 
Tochter der Amme, will die Brüder töten lassen. Die wahre Braut war aber 
gerettet und von einem Einsiedler aufgenommen worden. Durch ihr 
kleines Hündchen, das dem Pfauenkönig das Essen wegstiehlt, kommt 
ihre Anwesenheit und die Wahrheit an den Tag. 

Nr. 5. Sizilianisch:^ Munti fiuri ist Kammerdiener beim König und zeigt 
ihm das Bild seinei' schönen Schwester. Der König erklärt sie sofort für seine 
Braut und sendet den Bruder in die Heimat, das Mädchen zu holen. Die 
Tochter einer Nachbarin begleitet sie. Da die Falsche weiß, daß Geburts- 
frauen dem Mädchen einst angewünscht haben, es soUe, sobald es erwachsen 
wäre, in die Gewalt der Meersirene^ kommen, bohrt sie ein Loch 
in das Schiff, in dem beide fahren. In dem Augenblick verschwindet die 
Braut und der unglückliche Bruder muß sich einverstanden erklären, die häß- 
liche Tochter der Nachbarin für seine Schwester auszugeben. Der enttäuschte 
König legt ihm schwere Aufgaben auf, die er mit Hilfe seiner (verzauberten) 
Schwester ausführt. Er wird zum Entenhüter erniedrigt. Jeden Morgen füttert 
die aus dem Meer auftauchende Schwester die Enten, die hierüber am Abend 
dem Koch einen Spruch vorsingen. Der Koch erzählt es dem König. Dieser 
begibt sich an den Strand und zerhaut die Kette, an der das Mädchen von 
der Meersirene gehalten wird. 

Nr. 6. Finnisch:^ Ein Hirt des Königs zeigt dem Königssohn das Büd seiner 
Schwester. Er muß sie holen. Eine Hexe bewirkt durch List, daß das Mädchen 
auf der Reise zum Prinzen seine Kleider ablegt und ins Meer springt. Die 
Hexe bietet sich dem Prinzen als Gemahlin, der Bruder wird in die Schlangen- 
grube geworfen. Die Heldin ist vom Meerriesen aufgenommen worden, 
der sie zwingen will, seine Frau zu werden. Dreimal erlaubt er ihr, 
an einer Kette gefesselt an das Land zu steigen, und dreimal sendet sie durch 
ihr Hündchen dem Prinzen Geschenke. Beim drittenmal zersägt der Prinz 
die Rette und befreit so das Mädchen. Der Bruder wird aus der Schlangen- 
grube geholt, die Hexe kommt in einer Badestube um. 

Ein anderer Märchenkreis ist nach Arfert dadurch gekennzeichnet, daß 
die wahre Braut auf der Fahrt zum Verlobten durch Verstümmelung und 
Blendung beseitigt wird. 

Nr. 7. Griechisch:* Der Eingang erzählt die Verleihung von drei Wunder- 
gaben (Weinen von Perlen u. a.). Die Heldin ist einem Prinzen in fernem 



1) Laura Gonzenbach: Sizilianische Märchen. Leipzig 1870, Nr. 52. — Arfert, 
a. a. O. S. 12. 

2) Bedeutet das Exil. 

3) Emmy Schreck: Finnische Märchen. Weimar 1877, Nr. 10. — Arfert, 
a. a. O, S. 13. 

4) J. G. V. Hahn: Griechische und albanesische Märchen. Leipzig 1864, Nr. 28. 

Arfert, a. a. O. S. 17. 



Alfred W^iiiterstein 



Lande verlobt. Als die Zeit der Vermählung herannaht, macht sie sich mit 
ihrer Amme xmd deren Tochter auf, um in ihr zukünftiges Königreich zu 
ziehen. Die Amme hat versalzenes Brot mitgenommen, von dem sie die Braut 
von Zeit zu Zeit essen läßt. Von unbezwinglichem Durste gepeinigt, gibt diese 
für einen Trunk (vgl. Märchen Nr. 2) ihre Augen und für eine zweite 
Labung ihre Kleider hin, in denen die Tochter der Amme zu dem Prinzen 
fährt. Die hilflos zurückgelassene Blinde* kommt nach langem Umher- 
irren zu einer Alten im Walde. Für die Perlen, die sie weint, und die 
Rosen, die sie lacht, löst diese von der falschen Königin zwei Hunde äugen 
ein, die sie der Blinden einsetzt. Mit den Rosen und Perlen betrügt die 
falsche Braut den Prinzen, ihren Gemahl, wenn er sich von ihren Wunder- 
gaben überzeugen will. Indessen hat das geheilte Mädchen an der Grenze des 
Königreiches ein herrliches Schloß erbauen lassen, wohin der Prinz eines Tages 
kommt und wo er seine wahre Braut findet. 

Nr. 8. Türkisch:^ Ein Padischah hat drei Töchter, die sich verheiraten 
sollen, als sie erwachsen sind. Die zwei älteren werden mit hohen Reichs- 
beamten vermählt, während die jüngste den Ofenheizer zum Manne erhält. 
Nach einem Jahr gebiert diese ein Mädchen, dem die Peris drei Wunder- 
gaben verleihen (Lachen von Rosen usw.). Es erblüht zu wunderbarer Schön- 
heit, so daß eine Kaiserin es zur Gemahlin ihres Sohnes bestimmt und eine 
Hofdame aussendet, die Braut in ihr Königreich zu geleiten. Die Hofdame 
wollte gern Schwiegermutter des Kaisers werden, nimmt salzige Speise, einen 
Krug und einen Sack mit, gibt der Braut von der salzigen Speise zu essen und 
fordert für einen Trunk aus dem Kruge ihre Augen. Die also Geblendete 
setzt sie auf einem Berge aus und bringt daim der Kaiserin ihre eigene 
bräutlich geschmückte Tochter dar. Indessen findet ein Kehrichtsammler die 
ausgesetzte wahre Braut, nimmt sie zu sich und wird für seine gute Tat durch 
die Schätze, die sie vermöge ihrer Wundergaben hervorbringt, reich belohnt. 
Für die Rosen, die sie lacht, kauft er am Hofe ihre Augen zurück und setzt 
sie ihr ein. Nach einiger Zeit erfährt die Hofdame, daß die rechte Braut noch 
lebt; sie läßt daher den Kehrichtsammler zu sich kommen und veranlaßt ihn, 
nach dem Talisman des Lebens seines Schützlings zu forschen. Das arglose 
Mädchen verrät ihm, daß sein Leben an das Herz eines gewissen Hirsches 
gebunden sei.^ Der Hirsch wird auf Betreiben der Hofdame erlegt, das Mädchen 
stirbt, wird aber infolge gewisser wunderbarer Umstände wieder ins Leben 
zurückgerufen, indem die Peris ein Fragment des Herzens dem toten Mädchen 
in den Mund legen. 

Ein dritter Märchenkreis zeigt nachstehende Variante: Die wahre Braut 
wird auf der Fahrt zum Verlobten dadurch beseitigt, daß sie dem ver- 

1) Dr. Kunos Igndcz: Oszmän-Török Nepköltesi Gyüjtemeny. Budapest 1887, 
Nr, 49. — Arfert, a. a. O, S. 19. 

2) Der Austausch der Organe im Märchen Nr. 7 und die Verlegung der Lebens- 
kraft in ein Tier im Märchen Nr. 8 weisen auf totemistisclie Vorstellungen hin, die 
wieder eine besondere Beziehung zur Pubertät haben. 



Die Pvitertatsriten der Mäcldien und ihre Spuren im Märdien 



3i 



wandelnden Sonnenstrahl ausgesetzt wird. Wie oben erwähnt, hat sich 
Frazer darauf beschränkt, den Zusammenhang der Isolierbräuche bei den 
Pubertätskandidatinnen mit solchen Märchen aufzuzeigen, denen die Vor- 
stellung der Befruchtung oder Verzauberung durch die Sonnenstrahlen zu- 
grunde liegt.-' 

INr. 9. Dänisch:^ Einer Prinzessin ist es bestimmt, von einem Hexenmeister 
entführt zu werden, wenn die Sonne vor ihrem dreißigsten Jahr auf sie schiene. 
Darum halt sie der König, ihr Vater, im Palast eingeschlossen und hat alle 
Fenster im Osten, Süden und Westen vermachen lassen. Sie darf sich nur 
abends nach Sonnenuntergang in dem schönen SchloI3garten ergehen. Einem 
Prinzen, der um sie werben kommt, begleitet von Rittern auf gold- und silber- 
glänzenden Rossen, gibt der Vater ihre Hand unter der Bedingung, daß er mit 
ihr bis zu ihrem dreißigsten Jahre in dem Schlosse wohne, dessen Fenster 
nach Norden schauen. Die Braut ist erst fünfzehn Jahre alt. Mit der Zeit 
sehnt sich das Paar hinaus und benützt einen trüben, sonnenlosen Tag, um 
einem Turniere in einem benachbarten Schlosse beizuwohnen. Während sie 
sich an der Festlichkeit erfreuen, ändert sich das Wetter und die Sonne bricht 
durch die Wolken. In deren Strahlen schwindet die junge Frau dahin, und 
als ihr Gatte dies entdeckt, ereilt ihn das gleiche Schicksal. Der bestürzte Vater, 
der ebenfalls dem Turniere beigewohnt hatte, eilt heim und schließt sich in 
sein dunkles Schloß ein, aus dem das Licht des Lebens gewichen ist. Das 
junge Paar ist auf ewig verschwunden. 

Nr. 10. Welschtirolisch'S Eine liebliche Jungfrati mit goldenem Haar war 
verwünscht worden, daß sie in den Bauch eines Walfisches entrückt 
werden würde, wann immer ein Sonnenstrahl auf sie fiele. Der Ruf ihrer 
Schönheit drang bis zum König des Landes, der sie zur Braut begehrte; ihr 
Bruder kutschierte sie hierauf in einem sorgfältig verschlossenen Wagen zu 
dessen Palaste, wobei er selbst auf dem Bocke saß und die Zügel handhabte. 
Unterwegs überholten sie zwei scheußliche Hexen, die müde zu sein vorgaben 
und mitgenommen werden wollten. Zuerst weigerte sich der Bruder, doch seine 
weichherzige Schwester beschwor ihn, mit den zwei armen fußkranken Frauen 
Mitleid zu haben. Er stieg also eher verdrießlich vom Bock herunter, öffnete 
den Wagenschlag und herein schlüpften die zwei Hexen und lachten heimlich. 
Kaum war der Bruder wieder auf den Bock geklettert und hatte die Rosse 
mit der Peitsche angetrieben, so bohrte die eine böse Hexe ein Loch in die 
geschlossene Kutsche. Sogleich fiel ein Sonnenstrahl durch das Loch auf das 
schöne Fräulein, das dahinschwand und in den Bauch eines Walfisches entrückt 
wurde. Als der König den Wagenschlag öffnete, um seine blühende Braut zu 
begrüßen, sprangen ihm zu seinem Schrecken zwei scheußliche Hexen entgegen. 

1) Frazer, a. a. O., Vol. I, S. 70 ff. 

2) Svend Grundtvig: Dänische Volksmärchen, übersetzt von A. Strodtmann, 
Zweite Sammlung (Leipzig 1879), 8. 199 ff. 

3) Christian Schneller: Märchen und Sagen aus Welschtirol (Innsbruck 1867), 
Nr. 22, S. 51 ff. 



33 



AlfreJ W iiitersteiii 



Nr. 11. Griechisch:^ Einer Prinzessin ist geweissagt worden, sie müsse sich 
in ihrem fünfzehnten Jahre vor der Sonne in acht nehmen, denn 
ihre Strahlen würden sie in eine Eidechse verwandeln. 

Nr. 12. Böhmisch:^ Eine Fee begabt die Stieftochter der Frau Jutta mit 
Schönheit und mit der Eigenschaft, daß ihre Tränen zu Perlen und ihre aus- 
gekämmten Haare zu Gold werden. Sie muß aber durch einen Schleier vor 
der Berührung mit der freien Luft (statt Sonne) gehütet werden. Ihr 
Bruder erzählt einem Grafen von ihrer Schönheit und ihren Wundergaben, 
so daß dieser sie zu heiraten beschließt. Auf dem Wege zu ihrem zukünftigen 
Wohnsitz wird sie durch die Unvorsichtigkeit der Stiefmutter von der Luft 
berührt und augenblicklich in eine goldene Ente verwandelt. In ihrer Verlegen- 
heit schiebt Frau Jutta ihre eigene Tochter unter. Nach langer Prüfungszeit 
wandelt sich die Ente in das Mädchen zurück, das nun dem Grafen zuteil wird. 

Nr. 15. Griechisch:^ Einer kinderlosen Mutter schenkt die Sonne eine Tochter 
mit der Bedingung, daß sie das Kind holen werde, wenn es zwölf Jahre alt 
sei. Als es dieses Alter erreicht hat, schließt die Mutter Türen und Fenster 
und verstopft Ritzen und Spalten, um die Sonne an ihrem Vorhaben zu hindern. 
Sie vergißt aber das Schlüsselloch; durch dieses fällt ein Sonnenstrahl und ent- 
führt das Mädchen. 

Nr. 14. Sizilianisch:* Einem König wird von einem Seher geweissagt, er 
werde eine Tochter bekommen, die in ihrem vierzehnten Jahre von der 
Sonne ein Kind empfangen werde. Daher schloß der König das Kind nach 
seiner Geburt in einen einsamen fensterlosen Turm ein, damit kein Sonnen- 
strahl es treffe. Als sie fast vierzehn Jahre alt war, geschah es, daß die Eltern 
ihr ein Stück gebratenes Zicklein schickten, in dem sie einen spitzigen Knochen 
fand. Mit diesem bohrte sie ein Loch in die Mauer, ein Sonnenstrahl drang 
durch die Öffnung und befruchtete sie.^ 



1) Bernhard Schmidt: Griechische Märchen, Sagen und Volkslieder (Leipzig 
1877), 8. 98. 

2) Gerle; Volksmärchen der Böhmen. II, S. 5. 

5) J. G. V. Hahn: Griechische und albanesische Märchen (Leipzig- 1864), Nr. 41, 
Bd. I, S. 245 ff. 

4) Laura Gon z enbach: Sizilianische Märchen (Leipzig 1870), Nr. 28, Bd. I, S. 177 ff. 

5) Der Zug, daß ein Prinz oder eine Prinzessin sich mittels eines Knochens aus 
einem Turme befreit, findet sich auch in anderen volkstümlichen Erzählungen. (Vgl. 
J. G. v. Hahn, a. a. O. Nr. 15; L. Gonzenhach, a. a. O. Nr. 26, 27; der Pentamerone, 
aus dem Neapolitanischen übertragen von Felix Liebrecht [Breslau 1846], Nr. 23, 
Bd. 1, S. 294 ff.) — Bei einigen Indianerstämmen beziehen sich gewisse Gebote und 
Verbote für Frauen während der Isolierung auch auf Tierknochen. So ist es bei den 
TmneÄ-Indianern einem Mädchen im Alter der Pubertät verboten, Hasenknocheu zu 
zerbrechen (siehe S, 14).! Anderseits trinkt es aus einer Röhre, die aus einem Schwanen- 
knochen verfertigt wird; der nämliche Brauch findet sich bei den Carner-Indianem. 
In den gleichen Umständen trinkt ein Tlingit-Mädchen aus dem Flügelknochen eines 
weißköpfigen Adlers (siehe S. 15). Bei den Nutka- und Shuswap-Stämmen werden die 
Pubertätskandidatinnen mit Knochen oder Kämmen versehen, um sich zu krataen; denn 
sie dürfen sich nicht mit den Fingern berühren. 



le Putertätsriten der Mätlcten und ihre Spuren im Märdi: 



33 



Hieher gehört nach Frazer wahrscheinlich auch die griechische Sage 
von Danae, die von ihrem Vater in ein unterirdisches Zimmer oder einen 
ehernen Turm eingesperrt und von Zeus geschwängert wurde, der sie in 
Gestalt eines Goldregens besuchte. Die griechische Sage hat ihr Gegenstück 
in einer von den Ahnen der sibirischen Kirgisen. 

Nr. 15. Kirgisisch:^ Ein Khan hat eine schöne Tochter, die er in einem 
dunkeln, eisernen Hause verwahrt, um sie dem Anblicke der IVIänner zu ent- 
ziehen. Ein altes Weib betreut sie. Herangewachsen, fragt das Mädchen die 
alte Frau, wohin sie so oft gehe. „Mein Kind," antwortet diese, „da draußen ist 
eine lichte Welt, dort leben dein Vater und deine Mutter und alle möglichen Leute • 
dorthin gehe ich." Das Mädchen sagt: „Gute Mutter, ich will es niemand 
erzählen, zeig' mir diese Uchte Welt!" Die alte Frau nimmt also das Mädchen 
mit hinaus. Doch als dieses die lichte Welt erblickte, wankt es und wird ohn- 
mächtig; Gottes Auge fällt auf die Jungfrau und sie wird schwanger. Der er- 
boste Vater verschUeßt sie in eine goldene Kiste, die er auf das weite Meer 
hinaustreiben läßt. 

Nr. 16. Indianisch:^ In einer Legende der Indianer von Guacheta in Kolumbien 
wird erzählt, daß es einst hieß, die Sonne würde eine ihrer Töchter befruchten, 
so daß sie ein Kind bekommen und doch eine Jungfrau bleiben würde. Der 
Häuptling hatte zwei Töchter und wünschte lebhaft, daß eine davon in dieser 
wunderbaren Weise empfange. Daher ließ er sie jeden Morgen einen Hügel 
im Osten seines Hauses hinansteigen, damit sie von den ersten Strahlen der 
aufgehenden Sonne beschienen würden. Sein Wunsch ging in Erfüllung ; denn 
eine der Töchter empfing ujid gebar einen Smaragd, den sie in Wolle wickelte 
und an ihrer Brust barg. Wenige Tage darauf wurde der Stein zu einem Kinde, 
das den Namen Garanchacha erhielt und allgemein als der Sohn der Sonne 
galt. 

Nr, 17. Samoanisch.5 Die Samoaner berichten von einem Weibe namens 
Mangamangai, das schwanger wurde, indem es die aufgehende Sonne anbUckte. 
Ihr Sohn wuchs heran und wurde Kind der Sonne genannt. Bei seiner Heirat 
verlangte er von seiner Mutter eine Mitgift, doch sie wies ihn an seinen Vater 
und sagte ihm, wie er zu ihm gelangen könne. Er nahm also eines Morgens 
eine lange Ranke und machte eine Schleife; dann stieg er auf einen Baum, 
warf die Schlinge über die Sonne und hielt sie fest. Der Himmelskörper, in 
seinem Gange aufgehalten, fragte ihn, was er wolle, und als er erfuhr, daß 
der junge Mann ein Geschenk für seine Braut wünsche, packte er einen Haufen 
kostbarer Dinge in einen Korb, mit dem der Jüngling zur Erde niederstieg. 



1) W, Radioff: Proben der Volksliteratur der türkischen Stämme Südsibiriens 
in. (Petersburg 1870), S. 82 ff. 

^ 2^) H. Ternaux-Compans: Essai sur l'ancien Cundinamarca (Paris, ohne Datum), 
S 200^^*"^^'' Turner: Samoa, a hundred years ago and long before (London 1884), 
Winterstein: Pubertätsriten der Mädchen. - 



34 



Alfred W^iiiterstcjii 



Nach FrazerV vermögen wir selbst in den Hochzeitsbräuchen ver- 
schiedener Rassen Spuren der Anschauung zu entdecken, daß Frauen durch 
die Sonne geschwängert werden können. ^ So pflegte bei den CÄaco-Indianern3 
in Südamerika ein neuvermähltes Paar die erste Nacht auf dem Fell einer 
Stute oder eines Ochsen mit dem Kopf gegen Westen zu schlafen, „denn 
die Hochzeit wird nicht als gültig betrachtet, bevor nicht die aufgehende 
Sonne seine Füße beschienen hat". Bei den alten Hinduhochzeiten ^ war die 
erste Zeremonie der „Schwängerungsritus" (Garbhädhäna) ; während des 
vorhergehenden Tages mußte die Braut gegen die Sonne schauen oder in 
irgendeiner Weise ihren Strahlen ausgesetzt werden. Bei den Türken Si- 
biriens 5 bestand früher die Sitte, am Morgen nach der Hochzeit das junge 
Paar aus der Hütte zu führen, um die aufgehende Sonne zu begrüßen. In 
Iran und Zentralasien soll es auch noch heute als das sicherste Mittel zur 
Beförderung der Empfängnis gelten, eine Neuvermählte den Strahlen der auf- 
gehenden Sonne auszusetzen. 

Schließlich möchte ich noch eine Episode aus dem christlichen Marien- 
mythus, Marias Darbringung, erwähnen, die bereits A. J. Storfer^ mit 
der Mädchenweihe der Naturvölker in Zusammenhang gebracht hat. Als 
Maria drei Jahre ah war, wurde sie (nach Überlieferung des ältesten neu- 
testamentlichen Apokryphura, des Protevangelium des Jacobus) von ihren 
Eltern in Begleitung von fackeltragenden Jungfrauen in den Tempel dar- 
gebracht, wo der Priester sie in Empfang nahm, küßte und segnete. Gott 
goß seine Seele auf Maria und sie tanzte mit den Füßen. Maria erstieg 
die fünfzehn Stufen des Tempels trotz ihrer Jugend ohne Hilfe, was ein 
Zeichen göttlicher Gnade war. Auch sonst fällt ihre Frühreife auf. Marias 
Tätigkeit im Tempel bestand im Weben; sie webte am Tempelvorhang. 
Die Absonderung der Einzuweihenden, die öffentliche, festliche Darbrin- 
gung, die symbolische Vermählung mit dem Priester als Vertreter der Gott- 
heit, der Tanz der kleinen Maria, das analoge Stufensteigen (die Zahl 15!), 

1) Prazer, a. a. O-, Vol. I, S. 75. , . j 

2) Die Hindu glauben, daß, wenn Mädchen sich während ihrer Menstruation den 
Sonnenstrahlen aussetzen, sie dadurch schwanger werden können. Darum stellen sich 
sterile Frauen nackt in die Sonne, um auf diese Weise Kindersegen zu erhalten. 
(Rieh. Schmidt: Liebe und Ehe im alten und modernen Indien. Berlin 1904.) 

5) Thomas J. Hutchinson: On the Chaco and other Indians of South America. 
Transactions of the Ethnological Society of London, N. S. III. (1865), S. 327. 

4) Monier Williams: Religious Thought and Life in India (London 1885 , S. 254. 

5) H. V4mb^ry: Das Türkenvolk (Leipzig 1885:, S. 112. 

6) A. J. Storfer: Marias jungfräuliche Mutterschaft. Ein völkerpsychologisches 
Fragment über Sexualsymbolik (Berlin 1914}: 15 i¥. 



Die Putertätsriten der MäticJieii und ikre Spuren Im Märdien 



35 



die Beschäftigung mit Webearbeiten: diese Züge sind uns bereits aus den 
Berichten über die Initiationszeremonien der Frauen vertraut.' 

Zur Erklärung dieser sonderbaren Bräuche, die wir in merkwürdiger 
Gleichförmigkeit bei den kulturell tieferstehenden Völkern der ganzen Erde 
angetroffen und deren entstellte Abkömmlinge wir dann auch in europä- 
ischen Märchen wiedergefunden haben, ist bisher von der Fachwissenschaft 
nicht allzuviel geleistet worden, Frazer, der die reichste Sammlung der 
einschlägigen Sitten zusammengestellt hat, faßt das Pubertätsexil der Mädchen 
als einen Spezialfall des auf dem Menstruationsblute überhaupt ruhenden 
Tabus auf. Der Mann fürchtet das Menstruationsblut, namentlich aber beim 
Eintritt der ersten Menstruation, weshalb die damit verbundenen Obser- 
vanzen besonders streng sind. Die Absonderung der menstruierenden Frauen 
— auch dafür führt Frazer zahlreiche Beispiele an — soll die gefährlichen 
Einflüsse bannen, die von ihnen in diesem Zustand ausgehen. Am wirk- 
samsten erscheint diese Isolierung, wenn die Menstruierende sozusagen 
zwischen Himmel und Erde aufgehängt wird.^ Ob sie nun in eine Hänge- 
matte gewickelt und bis zur Decke aufgezogen wird wie in Südamerika 
oder in einem über dem Erdboden erhöhten finsteren, engen Käfig einge- 
schlossen wird wie in Neumecklenburg: immer wird sie als unschädlich 
angesehen, sobald sie, von der Erde und von der Sonne abgesperrt, keine 
dieser großen Lebensquellen durch ihre tödliche Ansteckung zu vergiften 
vermag. Sie ist jetzt, in der Sprache der Elektrizität ausgedrückt, isoliert. 
Die zu diesem Behufe getroffenen Vorsichtsmaßregeln sind nicht nur durch 
die Rücksicht auf die anderen, sondern auch durch die auf die eigene Person 
bestimmt. Denn auch die Menstruierende würde leiden, falls sie die Vor- 
schriften überträte. Zulumädchen glauben, daß sie zu Skeletten einschrumpfen ' 
würden, wenn die Sonne sie in der Pubertät beschiene, und bei einigen 
brasilianischen Stämmen glauben die jungen Frauen, daß eine Übertretung 
der Vorschriften Geschwüre am Nacken und im Halse zur Folge hätte. 
Kurz, die Menstruierende wird als mit einem elektrischen Strome geladen 
angesehen, der, wenn nicht in Schranken gehalten, sich für sie und für 

1) Wenn ein Mädchen im alten Griechenland mannbar wurde, so forderte die 
Sitte, daß es sein Spielzeug der Göttin Aphrodite weihte und in ihrem Tempel auf- 
hing. Die Arkteia der Bärengöttin Artemis in Brauron, der Bärentanz, an dem nach 
Aristophanes (Lysistrata, Vers 645) jedes zu Jahren gekommene Mädchen teilnehmen 
mußte, um einen Mann zu finden, dürfte als Einweihungszeremonie aufzufassen sein. 
Die Mädchen hießen äpKTOi, wiewohl sie später kein Bärenfell mehr trugen. 

2) Vielleicht geht die Sage, wie Zeus Hera im Zorn über ihre Verfolgung des 
Herakles zum Himmel hinaushängte, auf einen ähnlichen Brauch zurück. 



5" 



36 



Alfred W intersteiii 



alle, die mit ihr in Berührung kommen, verderblich erweisen kann. Das 
Ziel der in Betracht kommenden Tabus ist eben, diese Kraft innerhalb 
der für die Sicherheit aller notwendigen Grenzen zu bannen/ 

Frazer verwischt den spezifischen Charakter der Pubertätsriten der 
Mädchen, wie mir scheint, allzusehr zugunsten der allgemeineren Blutscheu 
und Erstlingsangst ;^ eine andere Theorie, die E. Crawley^ aufgestellt hat, 
wird den Eigentümlichkeiten dieser Bräuche besser gerecht. Die Vermeidungs- 
vorschriften entspringen nach seiner Erklärung zunächst einmal einem 
allgemeinen Tabu der Geschlechter, das für den Mann bei Eintritt 
der Pubertät des Weibes (erste Menstruation) wirksam wird. Die besonderen, 
aus dessen Geschlechtsleben folgenden Situationen wie beispielsweise die 
Menstruation verstärken die Scheu vor dem Weibe immer wieder dadurch, 
daß sie an seine Andersartigkeit erinnern. Diese ruft beim Manne Gefühle 
der Fremdheit und Feindseligkeit hervor. Er fürchtet, vom Weibe geschwächt, 
mit dessen Eigenschaften angesteckt zu werden und sich dann als untüchtig, 
so namentlich bei der Jagd und im Kriege, zu erweisen. Aus dieser Einstellung 
erklärt sich, daß beispielsweise die Vorschriften für menstruierende Frauen 
überhaupt denen für die Pubertätskandidatinnen so ähnlich, wenn auch 
zumeist weniger streng sind. Da das Sexualbedürfnis die Schranke zwischen 
den Geschlechtern aber immer wieder durchbricht und der erste Sexual- 
verkehr des Mädchens mit besonderen Gefahren verbunden ist, müssen 
rechtzeitig Vorkehrungen gegen die materiellen und psychischen Gefahren, 
die der Primitive ja noch nicht sondert, getroffen werden. Diesem Zwecke 
dienen die sexuellen Operationen (Durchbohrung des Hymen,* Exzision 



1) Prazer meint, daß die gleiche Erklärung sich auf die ähnlichen Isolierbräuclie 
der Priesterkönige und Priester anwenden läßt. 

2) Freud („Das Tabu der Virginität", in „Beiträge zur Psychologie des Liebes- 
lebens", Ges. Schriften, Bd. V) schreibt: „Eine zweite Erklärung sieht gleichfalls 
vom Sexuellen ab, greift aber viel weiter ins Allgemeine aus. Sie führt an, daß der 
Primitive die Beute einer beständig lauernden Angstbereitschaft ist, ganz ähnlich, 
wie wir es in der psychoanalytischen Neurcsenlehre vom Angstneurotiker behaupten. 
Diese Angstbereitschaft wird sich am stärksten bei allen Gelegenheiten zeigen, die 
irgendwie vom Gewohnten abweichen, die etwas Neues, Unerwartetes, Unverstandenes, 
Unheimliches mit sich bringen. Daher stammt auch das weit in die spateren Religionen 
hineinreichende Zeremoniell, das mit demBeginne jeder neuen Verrichtung, dem Anfange 
jedes Zeitabschnittes, dem Erstlingsertrag von Mensch, Tier und Frucht verknüpft ist." 

5) Ernest Crawley : The Mystic Rose, a Study of primitive marriage (London 1902), 
S. 190 ff. u. 294 ff. 

4) Bei den Pubertätszeremonien in Ceram nimmt eine alte Frau ein Blatt und 
durchbohrt es feierlich mit dem Finger als ein Symbol der Perforation des Hymen, 
Nachher kann das Mädchen mit Männern verkehren; in einigen Dörfern haben alte 



Die Putertätsriten der leij und ilire Spuren iin MSri en 



37 



der Klitoris). Auch der Unterricht, der den Novizinnen durch alte Weiber 
in sexuellen Dingen zuteil wird, soll den künftigen Geschlechtsverkehr 
erleichtern. Manchmal muß dieser von den Mädchen sofort^ ausgeübt 
werden, wodurch dann jedes Geschlecht gegen das andere dauernd immunisiert 
ist. Überhaupt ist ja eine enge Beziehung zwischen Pubertätsweihen und 
Hochzeitszeremonien vorhanden. Die Pubertätsriten bringen nach Crawley 
jedoch auch die Anschauung der Primitiven zum Ausdruck, daß in dieser 
Zeit der alte Mensch abgelegt' und ein neuer angezogen wird,^ wie ja 
tatsächlich eine tiefgreifende physische und psychische Veränderung mit 
den Knaben und Mädchen in der Pubertät vor sich geht. Daß z. B. 
Haare abgeschnitten oder Zähne ausgeschlagen werden, soll nach Crawley 
diesen Verzicht auf den alten Menschen unterstützen und die Sicherheit 
des übrigen Körpers durch Opferung eines Teiles verstärken. Derselbe 
Verfasser verweist darauf, daß dem Verzicht auf das frühere Leben beim 
Knaben viel größere Bedeutung zukommt als beim Mädchen; denn bei 
ihr ist nichts in der Vergangenheit, was ihr gefährlich werden könnte, 
Sie wird nach wie vor ihr größtes Behagen und ihre beste Gesellschaft 
tei der Mutter und den Freundinnen finden. Hingegen drohen dem er- 
wachsenen Mädchen vom anderen Geschlechte Gefahren, denen es begegnen 
muß. Floß-Renz tritt zunächst der Behauptung von Heinrich Schurtz^ 
entgegen, daß bei den Mädchen, deren zweite Altersstufe bei weitem nicht 
so geschlossen und kameradschaftlich organisiert zu sein pflege wie die der 
Knaben, auch die Festlichkeiten und Prüfungen stets unbedeutender seien. 
Ja er führt sogar vereinzelte Beispiele dafür an, daß die Pubertätsfeier des 
weiblichen Geschlechtes länger dauert als jene des männlichen.''' Die 
Zeugungsfähigkeit ist der Hauptgegenstand auch der Mädchen weihen. Der 
Gedanke des mystischen Todes und der Wiedergeburt beherrscht diese und 
die so oft damit verbundene Mädchenbeschneidung in gleicher Weise wie 

Männer noch am selben Abend Zutritt zu ihr. (J, G. F. Riedel: De sluik- en 
kroesharige rassen tusschen Selebes en Papua. 1896, S. 158.) 

1) Bei einigen Stämmen Zentralafrikas müssen Knaben und Mädchen nach der 
Initiationsfeier sobald wie möglich miteinander verkehren; denn man glaubt, daß 
sie sonst sterben müßten, (Macdonald: Africana,- 1. S. 126.) 

2) In Nias und Sierra Leone empfangen die Mädchen in der Pubertät einen 
neuen Namen. (A. Peatherman: Social history of the races of mankind. II, S. 354.) 
Auf den Andamaneninseln werden diese Namen für Mädchen „Blumennamen" genannt. 
(Man, in Joum. Anthrop, Inst. XII, S. 128.) 

3) H. 8 churtz : Altersklassen imd Männerbünde. Eine Darstelhmg der Grundformen 
der Gesellschaft (Berlin 1902), S. 96 f. 

4) So in Lukuledi (früheres Deutsch-Ostafrika}. 



38 



Alfred W^uiteritem 



die Jünglings weihen. Ploß-Renz hält es nämlich für unrichtig, die Ab- 
sonderung der Reifekandidatinnen und andere Riten, die darauf abzielen, 
die Mädchen dem Lichte zu entziehen, durchwegs mit ihrer „Unreinheit" * 
zu begründen, wie das gewöhnlich der Menstruierenden überhaupt und 
der Wöchnerin gegenüber geschieht, weil ja viele Völker ihre männlichen 
Pubertätskandidaten gleichfalls isolieren, die deswegen aber nicht als „unrein" 
bezeichnet werden. Wohl aber gelten sie als „tabu\ d. h. als heilig, ehr- 
würdig, unberührbar, eine Bezeichnung, die bei manchen Völkern auch 
den isolierten Menstruierenden, Wöchnerinnen und stillenden Weibern 
gegeben wird. Für beide Geschlechter findet die Wiedergeburt während 
ihrer Zurückgezogenheit ^ und durch den Dämon statt. Im Exil verkehrt 
der Dämon mit den Pubertätskandidaten, ja der ganze Unterricht, der den 
Kandidaten von den Priestern, Zauberern, Medizinmännern usw. beider 
Geschlechter dort gegeben wird, dürfte auf Dämonen zurückgeführt werden, 
weil diese sich nach der regelmäßigen Auffassung der Völker durch ihre 
Priester offenbaren. Dieser Unterricht dreht sich zum großen Teil um Sexuelles. 
Ploß-Renz erblickt mit Recht in dem Brauch, die Kandidaten beiderlei 
Geschlechtes mit Stöcken, Ruten, Riemen usw. zu schlagen, zu geißeln, 
zu peitschen, keine bloße Mutprobe, sondern einen Fruchtbarkeits- oder 
Geschlechtsritus. Für den Psychoanalytiker bemerkenswert ist, was Ploß- 
Renz über die symbolische Bedeutung des Zahnes beim Pubertätsbrauch der 
Zahnoperationen sagt. Der Zahn scheint ihm hiebei als Repräsentant des 
Menschen selbst betrachtet zu werden. Das Rätselhafte dieser Auffassung 
versucht er durch die Sprachforschung zu lösen. Seb. Zehetmayr hat in 
seinem „Analogisch vergleichenden Wörterbuch über das Gesamtgebiet der 
indogermanischen Sprachen" (Leipzig 187g) die Wurzel unseres „Zahn" 
unter anderem im Namen des Bockes Thors, Tann-griostr „der Zähne- 
knirscher", und in „Wuotan" {penetrans, der Durchdringende) gefunden. 
Bedeutungsvoll ist ferner der süddeutsche Volksausdruck Baunzan (Bauch- 
zahn) für eine Speise, die ihrer Form nach an ein Knabenglied erinnert,^ 



1) Das Reinwerden wird bäufig mit dem Weib werden identifiziert; die Novize 
wird durch die Menstruation rein („monatliche Reinigung"). 

2) Die Isolierhütten werden von gewissen Völkern ausdrücklich als Magen oder 
Bauch eines Geistes bezeichnet. Sie sind die Stätten des mystischen Todes der Un- 
reifen und ihrer mystischen Wiedergeburt als Reife. Die Absonderung scheint zum 
Verkehr mit den Dämonen notwendig zu sein. 

5) In Wien gibt es eine bestimmte Art von Gebäck, die „Baunzerl" genannt wird. 
Ihre Form ähnelt allerdings mehr einem weiblichen Genitale. 



Die Pubertätsiiten der Mätldieti und ihre Spuren im Märdieu 



39 



SO wie die schweizerischen „Vulvenzähne".^ Es scheint an eine Ähnlichkeit 
der Zähne (es handelt sich bei den Zahn Operationen stets um Vorderzähne) 
mit den Geschlechtsorganen gedacht zu sein.^ Demnach würde der Zahn, 
wenigstens bei gewissen Völkern, ein Abbild des Zeugungsorgans und 
mittelbar ein Bild des Menschen sein. Auch die Farben, mit denen die 
Pubertätskandidaten beiderlei Geschlechtes vielfach bemalt werden, bringt 
Ploß-Renz in Beziehung zur Fruchtbarkeit und Sexualität. Daß den 
Kandidaten der Genuß gewisser Speisen verboten ist, begründet er mit 
ihrer Bedeutung als Symbol des Geschlechtsgenusses. Soferne Wasser bei 
den Riten der Mädchen eine Rolle spielt, ist es vor allem als Symbol der 
Fruchtbarkeit und damit als ein Element aufzufassen, welches das Weib 
in seih neues Leben einführt. Auch bei zahlreichen anderen Pubertäts- 
bräuchen hebt Ploß-Renz ihre sexuelle Symbolik und ihre Beziehung 
zur Fruchtbarkeit hervor. 

Die oben angeführten Theorien enthalten ia zweifellos manches Rich- 
tige, wenn sie auch, wie mir scheint, Sinn und Zweck der Pubertäts- 
bräuche noch immer allzu sehr vom Standpunkte des Primitiven und zu 
wenig von dem des Psychologen deuten. Wir werden uns deshalb nunmehr 
des Hilfsmittels der Psychoanalyse bedienen, das seine Tauglichkeit ja 
bereits bei der Untersuchung der Pubertätsriten der Knaben 3 in so hervor- 
ragendem Maße bewiesen hat. Bevor wir die Bräuche, deren typischer Ab- 
lauf dem Leser aus den vorangehenden Beispielen klar geworden sein wird, 
im einzelnen betrachten, wollen wir uns noch zum besseren Verständnis 
mit den Umgestaltungen des weiblichen Sexuallebens in der Pubertät be- 
schäftigen. Wir lesen hierüber in Freuds klassischen „Drei Abhandlungen 
zur 

Sexualtheorie"* folgendes: 

Es ist bekannt, daß erst mit der Pubertät sich die scharfe Sonderung des 
männlichen und weiblichen Charakters herstellt, ein Gegensatz, der dann wie 
kein anderer die Lebensgestaltung der Menschen entscheidend beemflußt. 
Männliche und weibliche Anlage sind allerdings schon im Kmdesalter gut 



1) In der deutschen Schweiz läßt mau Kinder zur Erleichterung des Zahnens 
auf Kerzen von Jungfernwachs beißen; auch reibt man das Zahnfleisch mit Wolfs- 
Zähnen oder mit Bbit aus dem Kamme des Haushahns oder mit dem Pfötchen einer 
Schermaus ein, welche man dann dem Kind als „Füllenzähne" oder „Vulvemähne" 
anhängt. Ploß-Renz. a. a. O. S. 56.) 

2) Vgl. Ferenczis interessante Hypothese von dem Zahn als Urpenis (Versuch 
einer Genitaltheorie, S. 50"). 

3) Th. Reik, a. a. O. S. 59 ff. 

4.) Sigm. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. (Ges. Schriften, Bd. V.) 



Alfred W iijtersteiii 



kenntlich; die Entwicklung der Sexualhemmungen (Scham, Ekel, Mitleid usw.) 
erfolgt beim kleinen Mädchen frühzeitiger und gegen geringeren Widerstand 
als beim Knaben; die Neigimg zur Sexualverdrängung erscheint überhaupt 
größer; wo sich Partialtriebe der Sexualität bemerkbar machen, bevorzugen 
sie die passive Form. Die autoerotische Betätigung der erogenen Zonen ist 
aber bei beiden Geschlechtem die nämliche, imd durch diese Übereinstimmung 
ist die Möglichkeit eines Geschlechtsunterschiedes, wie er sich nach der Pubertät 
herstellt, für die Kindheit aufgehoben. Mit Rücksicht auf die autoerotischen 
und masturbatorischen Sexualäußerungen könnte man den Satz aufstellen, die 
Sexualität der kleinen Mädchen habe durchaus männlichen Charakter . . . Seit- 
dem ich mit dem Gesichtspunkt der Bisexualität (durch W. Fließ) bekannt 
worden bin, halte ich dieses Moment für das hier Maßgebende und meine, 
ohne der Bisexualität Rechnung zu tragen, wird man kaum zum Verständnis 
der tatsächlich zu beobachtenden Sexualäußerungen von Mann und Weib ge- 
langen können. 

Von diesem abgesehen, kann ich nur noch folgendes hinzufügen : Die leitende 
erogene Zone ist auch beim weiblichen Kinde in der Klitoris gelegen, der 
männlichen Genitalzone an der Eichel also homolog. Alles, was ich über 
Masturbation bei kleinen Mädchen in Erfahrung bringen konnte, betraf die 
Klitoris und nicht die für die späteren Geschlechtsfunktionen bedeutsamen 
Partien des äußeren Genitales. Ich zweifle selbst daran, daß das weibliche 
Kind unter dem Einfluß der Verführung zu etwas anderem als zur Klitoris- 
masturbation gelangen kann. Die gerade bei kleinen Mädchen so häufigen 
Spontanentladungen der sexuellen Erregtheit äußern sich in Zuckungen der 
Klitoris, und die häufigen Erektionen derselben ermöglichen es den Mädchen, 
die Sexualäußerungen des anderen Geschlechtes richtig auch ohne Unterweisung 
zu beurteilen, indem sie einfach die Empfindungen der eigenen Sexualvorgänge 
auf die Knaben übertragen. 

Will man das Weibwerden des kleinen Mädchens verstehen, so muß man 
die weiteren Schicksale dieser Klitoriserregbarkeit verfolgen. Die Pubertät 
welche dem Knaben jenen großen Vorstoß der Libido bringt, kennzeichnet 
sich für das Mädchen durch eine neuerliche Verdrängungswelle, von der gerade 
die Klitorissexualität betroffen wird. Es ist ein Stück männlichen Sexuallebens, 
was dabei der Verdrängung verfällt.' Die bei dieser Pub ertäts Verdrängung des 
Weibes geschaffene Verstärkung der Sexualhemmnisse ergibt dann einen Reiz 
für die Libido des Mannes und nötigt dieselbe zur Steigerung ihrer Leistungen; 
mit der Höhe der Libido steigt dann auch die Sexualüberschätzung, die nur 
für das sich weigernde, seine Sexualität verleugnende Weib im vollen Maße 
zu haben ist . . . Ist die Übertragung der erogenen Reizbarkeit von der Klitoris 
auf den Scheideneingang gelungen, so hat damit das Weib seine für die spätere 
Sexualbetätigung leitende Zone gewechselt, während der Mann die seinige von 
der Kindheit an beibehalten hat. In diesem Wechsel der leitenden erogenen 
Zone sowie in dem Verdrängungsschub der Pubertät, der gleichsam die infantile 



i) Man könnte von einem PassivitätsschuL sprechen. 



Die Putertätiriten <Jcr Mäddien uaä ihre Spuren im MärcJieii 



Männlichkeit beiseite schafft, liegen die Hauptbedingimgen für die Bevorzugtmg 
des Weibes zur Neurose, insbesondere zur Hysterie. Diese Bedingungen hängen 
also mit dem Wesen der Weiblichkeit innigst zusammen. 

Wenn wir die Ausführungen Freuds über die Verdrängung der männ- 
lichen Klitorissexualität der Mädchen im Auge behalten und uns gleich- 
zeitig der Bedeutung der inzestuösen Objektwahl in der Pubertätszeit er- 
innern, sind wir genügend vorbereitet, um an die psychoanalytische Er- 
klärung der Pubertätsriten heranzutreten. Ihre Reihenfolge läßt sich sche- 
matisch etwa so darstellen: 

1) Das Mädchen wird — meistens nach Eintritt der ersten Menstruation — 
isoliert (Einsamkeit, Dunkel). Oft findet sich auch die Beschränkung, 
daß es nicht die Erde berühren und die Sonne schauen darf. Das Verbot 
des Verkehres bezieht sich entweder nur auf bestimmte Personen (Ange- 
hörige des anderen Geschlechtes, Eltern, Verwandte) oder auf alle. Diese 
für die Bräuche typische A.bsonderung wollen wir künftighin Mädchen- 
exil nennen. 

2) Im Exil wird die Kandidatin im allgemeinen von einer älteren Frau 
betreut die ihr das Essen bringt usw. (bisweilen Mutter, Verwandte). 

ß) Sie empfängt von älteren Frauen, manchmal auch von einem Priester, 
Medizinniann oder ähnlichem (theoretischen und praktischen) Unterricht 
sexuellen Dingen, aber auch in anderen nützlichen Gegenständen. 
^) Sie beschäftigt sich mit dem Einüben häuslicher Tätigkeiten (Weben,' 
Flechten, Spinnen u. a.). 

j; Sie darf in vielen Fällen ihren Körper nicht mit den Händen be- 
rühren (ihren Kopf nicht kratzen, die Speisen nicht selbst in den Mund 
nehmen), sondern muß sich hiezu eines eigenen Instrumentes, eines Kammes, 
eines Stöckchens oder eines bestimmten Knochens bedienen. (Ein solcher 
dient auch bisweilen als Trinkgefäß.) 

6) Sie muß vollkommen fasten oder sich mindestens von gewissen Speisen 
enthalten (kein Fleisch, kein Fisch, häufig das Verbot, Salz zu essen). Auch 
die Berührung, ja manchmal der Anblick bestimmter Tiere (Tierknochen) 
ist untersagt. 

7) Sie muß gewisse Prüfungen überstehen (die sogenannten Leidens- oder 
Mutproben). 

8) Sie wird bisweilen tätowiert oder bemalt. 

1) Nach Bachofen („Das Mutterrecht", „Versuch über die Grähersymbolik der 
Alten«) ist Weben und Spinnen im Altertum das Symbol des Hetärismus, der un- 
gehemmten Zeugung. - 



42 



Alfred Wii »tersteiti 



pj Es finden sexuelle Operationen an der Reifekandidatin statt (Exzision 
der Klitoris, Beschneidung der Nymphen, künstliche Defloration). 

10) Es werden gewisse Zahnoperationen an ihr vorgenommen; auch die 
Haare werden manchmal abgeschnitten oder verbrannt. 

11) Es werden neben der Isolierung auch andere Bräuche beobachtet, 
die mit der Vorstellung von Tod und Wiedergeburt zusammenhängen (Ein- 
nehmen von Brechmitteln, Waschungen und Bäder, Erteilung eines neuen 
Namens, neue Bekleidung der Kandidatin u. a.). 

12) Gewisse Riten bezwecken, die Novize der Macht eines Pubertäts- 
oder Menstruationsdämons (bisweilen als Schlange oder als ein anderes 
geisterhaftes Tier vorgestellt) zu entziehen. 

I]) Magische Handlungen drücken manchmal den Wunsch nach leichter 
Geburt aus. . . . . 

l^) Bei vielen Pubertätsweihen spielt der Tanz als Symbol des Geschlechts- 
verkehrs, als sexuelle Prüfungsleistung eine Rolle. Tänze, Gesänge und 
Schmausereien bilden häufig den Abschluß der Initiationszeremonien. 

ij) Das Mädchen wird oft unmittelbar nach Beendigung des Exils in 
das Geschlechtsleben eingeführt. (Bisw-eilen erster Sexualverkehr mit älterem 
Mann, Häuptling, Priester.) 

16) Bei einigen Völkern müssen die Eltern nach der ersten Menstruation 
der Tochter den Beischlaf ausüben, bei anderen wieder sich davon enthalten. 

Wir haben gesehen, daß zur Zeit der Pubertät die Mädchen ebenso wie 
die Knaben von ihrer Familie getrennt werden, und dürfen daher auch 
beim weiblichen Geschlechte die gleiche Motivierung durch die Inzest- 
konflikte annehmen. Als Grund für das Exil wird allerdings von den Primi- 
tiven selbst der Schutz namentlich der Männer vor der vermeintlichen Ge- 
fährlichkeit der zum erstenmal Menstruierenden angegeben. Die Tochter 
soll vom Vater ferngehalten werden; zu diesem Behufe wird sie wieder in 
den Mutterleib versetzt,* als dessen symbolische Darstellungen wohl die 
Isolierhütten, Käfige, Behälter aus Baumrinde,^ Hängematten, Erdlöcher zu 
betrachten sind. Bisweilen scheint freilich auch die Absonderung von der 
Mutter beabsichtigt zu werden; denn diesen Sinn dürfte das von Frazer 
in den Vordergrund gestellte Verbot haben, nicht nur die Sonne (den 



1) Auch der Gedanke der Wiedergeburt spielt hier hinein. Wenn gelegentlich 
angenommen wird, daß die Kandidatin mit einem Dämon in der Einsamkeit umgeht, 
so sehen wir, wie das Verdrängte wiederkehrt. Übrigens ähnelt diese Vorstellung der 
Phantasie weiblicher Neiirotiker, mit dem Vater im Mutterleibe lu verkehren. 

2) So bei den Coroados (Puri) im südlichen Brasilien, 



Die Pufeertätsriten der Maddien und itre Spuren im Märdien 



43 



Vater) ^ ZU schauen, sondern auch die Erde (die Mutter) zu berühren.=^ Die 
Trennung von der Mutter entspricht einer Abwehrreaktion auf den voll- 
ständigen „Elektra" -Komplex der Tochter, die ja nicht nur die Mutter in der 
Liebe zum Vater als Rivalin, sondern gleichzeitig auch den Vater in der Liebe 
zur Mutter als störenden Konkurrenten empfindet. Das Mädchenexil wäre 
somit eigentlich als ein Kompromißausdruck der eifersüchtigen Regungen 
beider Elternteile aufzufassen, da die Novize dadurch sowohl vom Vater 
als auch von der Mutter getrennt wird. Man könnte ebensogut sagen: das 
Exil ist ein Kompromiß zwischen der Einschließung der Tochter für den 
Vater und der Einschließung der Tochter vor dem Vater. In den Bräuchen 
scheint allerdings die Absonderung vom Vater das Wesentliche zu sein; 
denn das Exil selber erinnert an den Aufenthalt im Uterus der Mutter 
und die alte Frau, sozusagen die Beschließerin des Gefängnisses (manchmal 
auch in der Mehrzahl), die für die Ernährung und Erziehung (auch Züch- 
tigung) der Novize sorgt, ist eine Mutterfigur. Das Exil der Tochter ist 
eben auch eine Einrichtung zugunsten der Mutter. Es handelt sich nämlich 
bei den Mädchen nicht wie bei den Knaben darum, sie dem häuslichen, 
mütterlichen Milieu zu entfremden ;5 sie üben ja auch während des Exils 
häusliche Tätigkeiten (Weben, Flechten, Spinnen u. a.) als Vorbereitung 
für das kommende Leben (Führung eines Haushalts als verheiratete Frau) 
ein. Im Zusammenhange mit dieser Tatsache tritt auch das soziale Moment* 
in den Pubertätsriten der Mädchen weniger hervor; sie werden vielfach 

einzeln eingeweiht. 

Die inzestuöse Neigung des Vaters zur Tochter, deren Abwehr das 
Mädchenexil dienen soll, tritt im Gegensatze hiezu in den Mythen und 
Märchen ganz offenkundig zutage: der Vater benimmt sich wie ein eifer- 
süchtiger Liebhaber der Tochter (bisweilen wird dies sogar zum Ausdruck 
gebracht), gönnt sie keinem Freier und schließt sie, um sie gleichsam nur 

X) Die Auffassung der Sonne als Vater- und der Erde als Muttersymbol bedarf 
wohl keiner «älteren Begründung mehr. - Nach einem lentralaustralischen Mythus 
entsprang das Feuer dem Penis eines Euro, der sehr rotes Feuer enthielt 

2) Dieses Verbot galt ferner für gewisse Könige und Priester, Siehe Frazer, 
a. a. O., I, S. 3 if. 

5) Deshalb hat auch der aus dem Exil zurückkehrende Jungling, wenn man den 
Berichten glauben darf, seine Eltern, seinen Namen, sein ganzes früheres Leben ver- 
dessen* 

4) H. Schurtz (Altersklassen und Manuerbünde. Eine Darstellung der Grund- 
formen der Gesellschaft. Berlin 1902, S, 96 f,) schreibt auch, daß die zweite Alters- 
stufe bei den Mädchen bei weitem nicht so geschlossen und kameradschaftlich organi- 
siert zu sein pflege wie bei den Knaben, 



44 



Alfred ^W^interätein 



für sich ZU haben, in einen Turm ein.' Auch die böse, eifersüchtige 
Mutter'^ kennen wir (meist nur als Schwiegermutter) aus vielen Märchen; 
sie wird dem Mädchen zur „Hexe", die das Exil bewirkt und am Schlüsse 
der Geschichte zur Vergeltung verbrannt wird. 

Das Mädchenexil verfolgt vor allem den Zweck, den Vater von der 
Tochter fernzuhalten. Eine ähnliche Bedeutung scheint der als Punkt 16 
(S. 40) erwähnte Brauch zu besitzen, daß an manchen Orten der Vater 
nach der ersten Menstruation der Tochter mit seinem Weibe den Beischlaf 
vollziehen muß.^ Es ist, als sollte er durch diese Sitte von der Tochter 
abgelenkt werden (vielleicht aber auch ein Fruchtbarkeitszauber). Bei ein- 
zelnen Völkerschaften heißt es wieder, der Vater käme in Lebensgefahr, 
wenn er die Isolierte sähe. So wie aber im neurotischen Symptom das 
Verdrängte sich dennoch durchsetzt, kehrt der sozusagen verdrängte Vater 
in anderen Bräuchen der Mädchenweihe unmittelbar oder mittelbar im ' 
Wege einer Vaterfigur wieder. Wir erinnern uns, daß auf den Marshall- 
inseln eine Häuptlingstochter mit Eintritt der Pubertät auch von ihrem 
Vater defloriert werden konnte. Eine verwandte Sitte, daß die Braut von 
ihrem eigenen Vater der Jungfrauschaft beraubt wird, herrscht bei den 
Orang-Sakhai im Innern der Malayischen Halbinsel, bei den Battas auf 
Sumatra, den Alfuren auf Celebes, ebenso auf Ceylon und auf den Mo- 
lukken.ä Als die Vollzieher der Defloration erscheinen andernorts Priester, 
Könige, Vornehme, also Personen aus der Vaterreihe, denen die Pflicht 
obliegt, die Jungfrau zu deflorieren. Diese Pflicht geht wohl auf ein Recht 



1) Vgl. die Märchen Nr. 1, 4, 9, 14 und 15. 

2) Ein ähnliches Verhalten wie im Märchen zeigt die Mutter der Piihertätskandi- 
datin hei den Macusi, einem Zweige der Kardihen in Britisch-Guayana, die das Mäd- 
chen während der Nacht mit dünnen Ruten geißelt (siehe S. 15). 

3) Umgekehrt dürfen bei den Atchuabo (Portugiesisch-Ostafrika) Vater und Mutter 
während der Betanzung ihrer Tochter nicht miteinander verkehren (a, a. O. S. 100). 
Ahnlich auf den Marshall-Inseln (siehe S. 10). 

4) Siehe auch Anmerkung 1 lu S. 42. 

5) Vgl. auch Crawley, a. a. O. S. 549. — Was bei den Malayen als eine Pflicht 
des Vaters der Braut erscheint, nimmt andernorts der Vater des Bräutigams als das 
Recht des Familienoberhauptes in Anspruch. Ich verweise zunächst auf den Brauch 
der Bdnaro (S. 9). Bei den indischen Sudras, besonders bei den Vellalan von Coim- 
hattore, besteht die Sitte, daß der Vater seinen unmündigen Sohn mit einem Mädchen 
vermählt und dann selbst bis zur Großjährigkeit des Sohnes mit ihr zusammenlebt. 
Bei den Russen heißt der alte noch heute nicht erloschene Brauch, wonach die 
Schwiegertochter dem Schwiegervater zur Verfügung steht, snohacestvo von snoha, 
Schnur. Diese Sitte wird auch von den Osseten berichtet; Spuren finden sich gleich- 
falls bei den Germanen. 



Die Putertätsriten der MädAen und ihre Spuren im Märdien 



zurück, nämlich auf das Recht des Vaters auf die Tochter.^ Ein solcher 
symbolischer Sinn dürfte auch dem bei den Tapuya an der brasilianischen 
Ostküste (nach dem Bericht eines Reisenden aus der Mitte des siebzehnten 
Jahrhunderts) herrschenden Brauch innewohnen, daß der Häuptling einen 
Pfeil nach dem Kranze abschoß, den die Pubertätskandidatin auf dem 
Kopfe trug. Traf er so, daß Blut floß, dann leckte er dieses ab und das 
Mädchen hatte Hoffnung auf ein langes Leben (Fruchtbarkeit) . Andere 
Berichte aus älterer Zeit3 geben von einer eigentlichen Defloration durch 
Priester oder Könige Kunde. Der Bolognese Ludwig von Varthema, ein 
Reisender aus dem Anfange des sechzehnten Jahrhunderts, erzählt über 
die bezüglichen Gepflogenheiten in Malabar (Vorderindien) folgendes: Der 
König von Kalikut wählte zur Entblumung des Mädchens den würdigsten 
der Brahmanen, der aber nicht gerne und nur gegen Bezahlung von 400 
bis 500 Dukaten einwilligte. Denselben Brauch bezeugt der Venezianer 
Balbi für das benachbarte Königreich Kotschin, und zwar als vom Herr- 
scher sowohl wie von den Untertanen geübt. Die früheste Nachricht über 
einen solchen Brauch haben wir aus Kambodscha in der Reisebeschreibung 
eines chinesischen Beamten vom Jahre 1295. Da wird ausführlich erzählt, 
daß ein Buddhapriester oder ein Priester der Tao-Religion mit der De- 
floration der Braut beauftragt werde; diese Dienstleistung der heiligen 
Männer nenne man tskin-than, Zurichtung des Lagers. Alljährlich ließ 
der Ortsvorsteher den hiefür gewählten Tag ausrufen und alle diejenigen, 
die Töchter zu verheiraten hatten, vorladen. Er gab jedem eine große 
Kerze an der ein Zeichen angebracht war: die Zeit, in welcher die Kerze 
bis zu dem Zeichen herabbrannte, war für das tshin-than bestimmt. Darauf 
erwählten sich die Eltern ihren priesterlichen Vertrauensmann aus dem 
nächsten Kloster. Ein reiches Haus beschenkte ihn dafür mit Wein, Reis 
Leinwand, Arekanüssen, Silbergeschirren und anderen Dingen, die im 
ganzen einen Wert von 1500 bis 2400 Franken ausmachten. Unter den 
zehnten Teil dieses Wertes durfte auch die geringste Entlohnung nicht 



1) Manche Forscher (Lubbock, Liebrecht, Giraud-Teulon) fassen den Vor- 
rang des Vaters oder der Vaterperson als ein Zugeständnis an den vorhergegangenen 
Hetärismus (nach Bachofen die als die Urform der Ehe angenommene Weiber- 
gemeinschaft) auf, 

2) PloO-Renz, a. a. O., II, S. 728. — S. 17 dieser Arbeit. 

3) Zahlreiche Belege für diese Bräuche bei Wilhelm Hertz (Gesammelte Ab- 
handlungen, herausgegeben von Friedrich von der Leyen, Stuttgart und Berlin 1905), 
tuid Ploß-Bartels (Das Weib in der Natur- und Völkerkunde, 9. Aufl., Leipzig 1908). 
Die Quellenangabe verdanke ich der zitierten Arbeit von H. Silber er. 



46 



AlfreJ W^mterstein 



heruntergehen. Die Schwierigkeit, eine solche Summe zu beschaffen, ver- 
zögerte oft die Verheiratung armer Mädchen auf Jahre hinaus. Daher galt 
es für eine gute Tat, armen Jungfrauen das Geld für das tshin-than zu 
schenken. Daß in neuerer Zeit bei einer Faisnava-Sekxe in Indien der 
Oberpriester von den Gläubigen um die nämliche Gunstbezeigung ersucht 
wurde, hat ein Preßprozeß in Bombay 1862 erwiesen. Ähnliches wird von 
dem Angekok oder Priester bei einigen Eskimostämmen ^ und den Piaches, 
den Zauberärzten bei den Kariben und anderen mittel- und südamerika- 
nischen Stämmen^, berichtet. 

Um den gleichen Dienst wie die Priester wurden bei einzelnen Völkern 
die Könige gebeten. Noch in neuester Zeit wurde — um nur ein Beispiel 
anzuführen — von den Ballanten in Senegambien mitgeteilt, daß dort ein 
Mädchen erst nach dieser Formalität heiraten kann. Der Vater einer reiz- 
losen Tochter ist übel daran; mit ansehnlichen Geschenken und inständigen 
Bitten muß er den König zu bewegen suchen, sich ihrer zu erbarmen. 

Die verbreitete Institution der „Tobiasehe" (der anfänglichen Meidung 
zwischen Braut und Bräutigam) 3 ist bereits von C. G. Jung* und 



1) Crawley, a. a, O. S. 54g. 

2) Weitere Beispiele und genaue Literaturbelege bei Hertz, a. a. O. S. 196 ff. 
5) Solche „Tobiaszeiten", die sich in verschiedener Weise oft über Wochen und 

Monate erstrecken, werden für Neu-Guinea nicht nur von den Bdnaro (S. 10), sondern 
auch von anderen Stämmen, z. B. den Massim und dem Mekeo-StcLmm. (S. 10, Anm. 4) 
berichtet. Thurnwald vermutet mit Recht (a. a. O. S. 25). daß diese Einrichtung 
auch mit dem Rechte des Schwiegervaters, die Braut zu deflorieren oder doch 2U 
gebrauchen, zusammenhängt. Bei Völkern, hei denen ein vorehelicher Verkehr unter 
den Brautleuten durch die Sitte zugestanden ivird, besteht nichtsdestoweniger die 
Institution von Tobiasnächten für Wochen und Monate, während welcher die Braut 
vom Schwiegervater oder einem Verwandten bewacht wird. Vgl. P. F. v. R eitzen- 
stein, Zeitschr. f. Ethnologie, 1909, S. 656, 677, 678. Reste dieser Sitte in Europa 
sind zusammengestellt bei Ed. Hermann: Beiträge zu den indogermanischen Hoch- 
zeitsbräuchen. Indogerman. Forschungen, 17, 1905, S. 385—585. Vgl. auch S. 44, 
Anm. 5. — Nach Fertigstellung des Manuskriptes entdecke ich in der Unterhaltungs- 
beilage der „Zürcher Volkszeitung" vom 7. Oktober 1927 einen Aufsatz, der von 
merkwürdigen Hochzeitsbräuchen bei den Eingeborenenstämmen Niederländisch- 
indiens, namentlich den Makassarm und Buginesen, berichtet. Nach geschlossener 
Ehe tritt dort noch eine Wartezeit ein, die mitimter auch auf vierzig Tage ausge- 
dehnt wird, ehe die Braut ihrem Lebensgefährten aus dem elterlichen Hause folgt. 
Der neugebackene Ehemann läßt nach der Trauung in der Wohnung bezeichnender- 
weise als Stellvertreter seinen Galadolch zurück, den die junge Frau mit der größten 
Gleichgültigkeit, ja sogar Abneigung behandelt. 

4) C. G. Jung: Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. (Jahr- 
buch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, I. Band, I. Hälfte. 
Leipzig und Wien 1909.) 



Die Piibertätsriten der Maddien und ilire Spuren JJii Alärcfcen 



47 



A. J. Storfer-' als eine Anerkennung der Vorrechte des Patriarchen ge- 
deutet worden; auch das umstrittene Jus primae noctis des nnittelalterlichen 
Gutsherrn führt Freud^ auf die Fixierung der Libido der Tochter an den 
Vater zurück. Es heißt bei ihm weiter: „Es entspricht dann nur unserer 
Erwartung, wenn wir unter den mit der Defloration betrauten Vater- 
surrogaten auch das Götterbild finden. In manchen Gegenden von Indien 
mußte die Neuvermählte das Hymen dem hölzernen Lingam opfern und 
nach dem Berichte des heiligen Augustinus bestand im römischen Heirats- 
zeremoniell (seiner Zeit?) dieselbe Sitte mit der Abschwachung, daß sich 
die junge Frau auf den riesigen Steinphallus des Priapus (eig. Mutunus 
Tutunus) nur zu setzen brauchte." 3 

Wir sind mit den vorstehenden Beispielen nur scheinbar über den 
Rahmen unserer Untersuchung hinausgetreten; denn Hochzeitszeremonien 
und Pubertätsfeierlichkeiten haben in gleicher Weise den Zweck von Vor- 
bereitungen für das Geschlechtsleben. In vielen Fällen wird ]a der Eintritt 
der Geschlechtsreife gleichgesetzt mit dem Beginne des Geschlechtslebens, 
mit dessen Befriedigung. Mit dem Überschreiten jeder Schwelle, nament- 
lich jener, die zwischen der Welt des Kindes und der der mannbaren 
Jungfrau liegt, sind aber gewisse Gefahren verbunden. Diese drohen, wie 
gesagt, in besonderem Maße bei der (ersten) Menstruation und bei der 
Defloration des Weibes. 

Die Defloration, bei der wir zunächst noch verweilen wollen, wird 
oicht nur einem Ältesten, König, Priester, Vornehmen, also einem Vater- 
ersatz übertragen, sondern auch bisweilen einem als minderwertig ange- 
sehenen Manne, der für diese Dienstleistung entlohnt wurde, oder der 
Akt wurde als eine Sache, der man sich gern entzieht, auf einem anderen 
als dem natürlichen Wege, durch manuellen Eingriff, durch Instrumente, 
durch den Phallus eines Götzen* vollzogen. 



1) A. J. Storfer: Zur Sonderstellung des Vatermordes. (Schriften zur angewandten 
Seelenkmide, XIII. Heft. Leipzig und Wien 1911.) 

2) S. Prend: Das Tabu der Virginität. („Beiträge zvxr Psychologie des Liebeslebens." 
Ges. Schriften, Bd. V.) 

3) Ploß-Bartels: a. a. O., I, S. 561, und J. A. Dulaiire: Des Divinit^s g^ne- 
ratrices. Paris 1885, S. 142 ff. Der heilige Augustin identifiziert Mutunm Tutunus mit 
Priapus. 

4) Hier ist die Bedeutung als Phallus des Vaters deutlich erkennbar. Auch der 
Fiügelknochen eines weißköpfigen Adlers, aus dem die Pubertätskandidatin bei den 
Tlingit-lndianern auf Alaska trinken mußte, hat vielleicht dieselbe symbolische Be- 
ziehung zu diesem. 



^8 



Alfred W; ntersleiii 



In der beliebtesten und verbreitetsten Reisebeschreibung des Mittelalters, 
im Buche des Sir John Mandeville (oder Maundeville), wird von einer 
Insel im fernen Osten erzählt, daß dort der Bräutigam nicht selbst die 
Braut defloriere, sondern hiefür einen Stellvertreter miete, der wegen der 
Waghalsigkeit des Unternehmens in der Sprache des Landes cadyberis, d. h. 
ein toller Verzweifelter, genannt werde. Dieser Brauch, so erklären die 
Eingeborenen, stamme aus alten Zeiten, in denen die Jungfrauen kleine 
Giftschlangen im Schöße verborgen getragen hätten, durch deren Biß 
der erste, der ihnen beiwohnte, getötet worden sei. So im lateinischen und 
englischen Text. Die deutschen Übersetzungen weichen ab. Eine von ihnen 
sagt z. B. nichts von den Schlangen, sondern führt die verderbliche Wirkung 
auf eine durch böse Künste angezauberte Vergiftung des jungfräulichen 
Schoßes zurück.^ 

Unter den Stellvertretern des Bräutigams sind vor allen gewerbsmäßige 
Mietlinge auf den Philippinen hervorzuheben, die gegen Bezahlung den 
Bräuten die Jungfrauschaft nahmen. Dieses seltsame Gewerbe kam dort 
im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts in Abnahme. In jüngerer Zeit 
wurde es z. B. in Neu-Kaledonien beobachtet. 

Durch ein merkwürdiges Abenteuer wurde dem schon erwähnten Bolo- 
gneser Ludwig von Varthema um 1505 in Tenasserim in Hinterindien ein 
ähnlicher Brauch bekannt. Hier waren es die Fremden, die weißen Männer, 
die von den heidnischen Eingeborenen, den König nicht ausgenommen, er- 
sucht wurden, in der Brautnacht ihre Stelle einzunehmen. Varthema erzählt 
ausführlich, wie ihm und seinem Begleiter, einem Perser, ein solcher Antrag 
gemacht worden sei, dem dieser auch Folge geleistet hätte. Daß in Kalikut bei 
den Vornehmen Ähnliches vorkam wie in Tenasserim, berichtet der Holländer 
P. W. Verhuefen (um 1608). Linschoten meldet dasselbe aus Pegu und 
fügt ausdrücklich hinzu, daß die Adeligen dem Fremden dafür Verehrung 
zuteil werden ließen. Mandelsloh fand diesen Brauch auch bei den schwarzen 
Eingeborenen von Malakka. In den birmanischen Ländern soll er sich bis in 
neuere Zeit erhalten haben. Nach Richards Geschichte von Tongking sind 
im Königreich Aracan im vorigen Jahrhundert namentlich holländische 
Matrosen zu diesem Zwecke von den Einwohnern gedungen worden. 

1) Die Beispiele entnehme ich Silberers Arbeit. (Wilhelm Hertz, a. a. O. S. 195; 
Cod. Arab. Monac. 650, fol. 21b.) - Der Kompilator dieser Reisebeschreibung war 
der Lütticher Arzt Jehan de la Bourgoigne, dit ä la Barbe (11572). — Das 
obige Motiv klingt noch in Artur Schnitilers Erzählung „Das Schicksal des Frei- 
herm von Leisenbogh" an. 



Die PuLertätsriteii der Mäddien und iLre Spuren im AlärAen 



49 



Im allgemeinen erscheint die Defloration in diesen primitiven Bräuchen 
nicht als ein gerne geübtes Recht der Großen, sondern als eine Pflicht, 
zu der sie ihre hervorragende Stellung verbindet, woferne das Geschäft 
nicht gar auf Outcasts, auf Sklaven und Fremde abgewälzt w^ird. Als einen 
Bestandteil der Pubertätsriten bei australischen Stämmen und bei den Conibos 
einem Indianerstamm in Peru, haben wir ferner die künstliche Defloration 
kennengelernt, die mit dem Finger oder einem Instrument, einem Stein, 
Stock oder Messer, durch eine Frau, an manchen Orten auch durch alte 
Männer ausgeführt wird.' 

Die Defloration der Mädchen außerhalb der Ehe und vor dem ersten 
ehelichen Verkehre scheint zunächst einmal die Absicht auszudrücken, dem 
Bräutigam und späteren Ehemann eine gefährliche Leistung abzunehmen. 
Wir können noch weiter gehen und sagen: Die Defloration ist für ihn 
Gegenstand eines Tabu, er muß einer solchen Leistung ausweichen. Dieses 
„Tabu der Virginitat" hat eine psychoanalytische Erklärung in Freuds 
gleichnamiger Abhandlung^ gefunden; wir wollen nunmehr hören, was 
er uns für die Zwecke der vorliegenden Arbeit zu sagen hat. 

Freud stellt als das Ergebnis seiner Untersuchung voran, daß eine 
solche Gefahr, wie sie der spätere Ehemann fürchtet, wirklich vorhanden 
ist, so daß der Primitive sich mit dem Tabu der Virginität gegen eine 
richtig geahnte, wenn auch bloß psychische Gefahr verteidigt. Diese Ge- 
fahr besteht darin, sich die Feindseligkeit des deflorierten Weibes zuzuziehen, 
und gerade der spätere Mann hat allen Grund, solche Feindseligkeit zu ver- 
meiden. Analysen namentlich frigider Frauen^ haben Freud die Regungen 
erkennen lassen, die am Zustandekommen dieses sonderbaren Verhaltens 
beteiligt sind: die narzißtische Kränkung der Frau über die Zerstörung 
eines Organs,''' die Fixierung der Libido der Frau an den Vater, welche 
den Ersatzmann als unbefriedigend ablehnt, schließlich die Reaktion der 
unfertigen, männlichen Sexualität des Weibes, das den Mann um seinen 



1) Siehe den Gebrauch auf Ceram (Fußnote 4 auf S. 56). 

2) Siehe Freud: Das Tahu der Virginität. (Ges. Schriften, Bd. V.) 

5) Bei der Frigidität des Weibes vereinigt sich die zärtliche Reaktion mit der 
feindseligen zu einer Hemmungswirkuiig, ganz ähnlich, wie es an den sogenannten 
„zweizeitigen" Symptomen der Zwangsneurose längst erkannt worden ist. 

4) Freud warnt mit Recht davor, dieses Moment zu überschätzen. Bei manchen 
australischen Stämmen wird das Hymen von älteren Männern künstlich durchbohrt, 
die dann in festgesetzter Reihenfolge einen zeremoniellen Koitus mit dem Mädchen 
als Vertreter des Mannes ausführen. Offenbar soll dem Ehemann noch etwas anderes 
erspart werden als die Reaktion der Frau auf die schmerzhafte Verletzimg, 

Wititerstein: Pubertätsriten der Mädchen. a 



6o 



Alfred W^interstein 



Penis feeneidet, auf den ersten Geschlechtsverkehr. Freud meint, daß das 
befremdende Tabu der Virginität, die Schea, mit der bei den Primitiven der 
Ehemann der Defloration aus dem Wege geht, in dieser feindseligen Re- 
aktion der Frau ihre volle Rechtfertigung finde, 

Freuds Versuch, diese Racheeinstellung aus dem Penisneide des Mäd- 
chens zu erklären, wird, wie Karea Horney in einem ausgezeichneten 
Aufsatze „Zur Genese des weiblichen Kastrationskomplexes" ^ ausführt, dem 
Tatsachenmaterial, das eine Analyse noch tieferer Schichten zutage fördert, 
nicht völlig gerecht. Sie verweist zunächst auf eine frühere Phase inten- 
siver, ganz weiblicher Liebesbindung an den Vater, in der sich das kleine 
Mädchen ein Kind vom Vater wünschte wie die Mutter. In dieser ersten 
Phase phantasiert das Kind auf Grund der — feindlichen oder freund- 
lichen — Mutteridentifizierung als ontogenetische Wiederholung einer 
phylogenetischen Periode eine völlige Besitzergreifung durch den Vater. 
Der überwundene Penisneidkomplex der autoerotischen Periode wird aber 
später in vielen Fällen wieder aktiviert, wenn diese Liebesphantasie ihre 
unausbleibliche Versagung durch die Realität erfahren hat. Grübeleien 
über das Nichthaben oder den Verbleib des Gliedes erzeugen dann die 
im späteren Leben tief verdrängte Phantasie, durch die Liebesbeziehung 
zum Vater kastriert worden zu sein.* Die Racheeinstellung gegen den 
Mann findet also nach Horney ihre eigentliche Begründung in der Liebes- 
enttäuschung am Vater und in der vermeintlich durch den Koitus mit 
ihm erlittenen Kastration. Daß in der Analyse der Penisneid leichter preis- 
gegeben wird als die Phantasie, die den Verlust des männlichen Genitales 
einem Liebesakt mit dem Vater zuschreibt, ist, wie Horney meint, um 
so begreiflicher, als an dem Penisneid an sich ja gar keine Schuldgefühle 
haften. 

Daß diese Racheeinstellung gegen den Mann sich späterhin besonders 
häufig und besonders heftig gerade gegen den die Defloration vollziehen- 
den Mann richtet, erklärt Horney daraus, daß eben für die Phantasie der 
Vater der erste Mann gewesen ist und daher auch im späteren realen 
Liebesleben der erste Mann in besonders hohem Maße Vaterbedeutung 



1) Dr. Karen Horney: Zur Genese des weiblichen Kastrationskomplexcs. Inter- 
nationale Zeitschrift für Psychoanalyse, IX. i, 1925. 

2) Vielleicht steht in den Brangänemärchen und -erzählungen die Figur der Braut 
mit der nicht vorwurfsfreien Vergangenheit, die ein anderes Mädchen bittet, 
ihre Stelle bei der Hochzeit einzunehmen, mit jener Phantasie irgendwie in Zusam- 
menhang. 



Die Putertätsriten der jMädtJien und ihre Spuren im Märdien 



haben muß, Dies wird ja auch darin zum Ausdruck gebracht, daß in den 
Bräuchen vieler primitiver Völker die Vollziehung der Defloration wirklich 
einer Vaterersatzfigur, wie wir gesehen haben, überlassen wird. Die Deflo- 
ration ist für das Unbewußte nur die Wiederholung jenes in der Phanta- 
sie erlebten Liebesalttes mit dem Vater und darum wiederholen sich an 
ihr auch alle die Affekte, die zu jenem gehören: sowohl die starke Bin- 
dung als auch die Inzestabwehr wie schließlich die oben beschriebene Rache- 
einstellung wegen der Liebesenttäuschung und der vermeintlich durch 
diesen Akt erlittenen Kastration.' ;■. ^ , . . 

Von hier aus verstehen wir nun auch besser die Vorstellung der „ge- 
fährlichen Braut'*, die als Motiv einer großen Gruppe von Sagen und 
Märchen anzutreffen ist. Welche Rolle dieser Aberglaube in den Bräuchen 
der primitiven Völker (auch als Glaube an die Gefährlichkeit der Mädchen 
mit Eintritt der Pubertät) spielt, haben wir zum Teile schon erörtert; an- 
dere Riten, die damit im Zusammenhange zu stehen scheinen, sollen später 
untersucht werden. 

Als Paradigma der „gefährlichen Braut", von der in der Brautnacht ver- 
hängnisvolle Wirkungen drohen, wollen wir das sagenhafte Giftmädchen 
des Alexander betrachten.^ Die von W. Hertz ausführlich behandelte Sage 
befand sich ursprünglich in einem fälschlich den Namen des Aristoteles 
als Autors tragenden arabischen Buche Sirralasrdr (Geheimnis der Geheim- 
nisse ; in der lateinischen Übersetzung De secretis secretorum oder De regi- 
mine principum). Aus dem lateinischen Text, der in der europäischen 
Literatur im zwölften Jahrhundert auftauchte, ging die Sage in zahlreiche 
andere Schriftwerke über. Sie steht im ersten Teil des Buches, das Rat- 
schläge des Aristoteles an seinen Schüler Alexander enthält, undlautet:ä 

, Alexander (so schreibt Aristoteles), denk an die Tat der Königin von 
Indien, wie sie dir unter dem Vorwande der Freundschaft viele Angebinde 
und schöne Gaben übersandte. Darunter war auch jenes wunderschöne 
Mädchen, das von Kindheit auf mit Schlangengift getränkt und genährt 
worden war, so daß sich seine Natur in die Natur der Schlangen verwandelt 
hatte. Und hätte ich sie in jener Stunde nicht aufmerksam beobachtet und 
durch meine Kunst erkannt, da sie so furchtbar ungescheut und schamlos' 
ihren Blick unablässig an das Antlitz der Menschen haftete, hätte ich nicht 

1) Aus eigenen Analysen kann ich Horneys Ausfiilirungen nur bestätigen. 

2) Ich folge hier Silberers Abhandlung. 

5) W. Hertz, a. a. O. S. 162, wiedergegeben nach einem lateinischen Inkunabel- 
druck. (Münchener Bibliothek: Inc. s. a. 208, 40, c. XXVIII.) 



4" 



52 



AlfreJ W^iiitersteiu 



daraus geschlossen, daß sie mit einem einzigen Bisse die Menschen toten 
würde, was sich dir hernach durch eine angestellte Probe bestätigt hat, so 
hättest du in der Hitze der Beiwohnung den Tod davon gehabt." In 
manchen Wiedergaben der Episode wird auf die Probe, die Alexander auf 
den Rat des Aristoteles anstellt, ausführlicher eingegangen. Ein Mann, den 
der König zum Versuch herbeiholen läßt, stirbt in des Mädchens Um- 
armung oder durch ihren Biß, ihren Kuß usw. In einem arabischen Ur- 
text^ wird ausdrücklich gesagt, das Giftmädchen töte durch ihren Biß und 
ihren Liebesverkehr. Hertz bezeichnet es als das poetische Hauptmotiv der 
Erzählung, daß der jugendliche Held im Genüsse der Schönheit des Mädchens 
vergehen sollte. Er macht auf den verbreiteten Aberglauben und die Sagen 
aufmerksam, in denen (tödliche) Vergiftung im Liebesgenuß vorkommt. So 
galten nach den Hochzeitssprüchen im Veda die vom Blute der Brautnacht 
geröteten Hemden für giftig und bösen Zaubers voll und mußten daher 
gleich am Morgen beseitigt werden. Zitternd vor ihrer dämonischen Macht, 
steckte sie der Bräutigam auf die gespaltene Spitze einer Stange und 
bannte so ihren Zauber fest. Sie wurden dann dem Priester zuteil, der 
allein imstande war, sie wieder zu reinigen. Damit vertrieb man die bösen 
Dämonen des Ehebettes und verhütete, daß die junge Frau ihrem Gatten 
Schaden tue. Die Priester, die überall zugleich Zauberer (Vaterersatzfiguren) 
waren wie die Piaches Mittel- und Südamerikas, mochten ganz besonders 
dazu berufen erscheinen, die Abwehr jener gefährlichen Wirkungen zu 
übernehmen. In der sagenhaften Fassung wird zumeist, z. B. auch in der 
Reisebeschreibung des Ritters Mandeville, ausdrücklich ausgesprochen, 
daß nur dem ersten, der das Mädchen umfängt, die Gefahren von dessen 
giftigem Schöße drohen. Dort findet sich auch die phantastische Zutat von 
dem im Schöße der Mädchen lauernden Schlangen." 

Das Giftmädchen gehört nach Hertz Sagenstoffen an, die in Indien 
von alters her verbreitet waren. Das indische Schauspiel Mudräräksasa (ent- 
standen zwischen dem siebenten und elften Jahrhundert) von VisäMiadatta 
enthält eine Episode, die deshalb beachtenswert ist, weil sie für die 

i^i Angegeben a. a. O. S. 195: Cod. Arab. Monac. 650, fol. 21b. 

2) Dies erinnert Hertz (a. a. O. S. 219) an ein männliches Gegenstück in der 
antiken Sage: König Minos von Kreta brachte allen seinen Geliebten den Tod, da er 
statt des Samens Schlangen, Skorpione und Skolopender in sie ergoß (nach einer Er- 
zählung des Antonius Liberalis aus dem zweiten Jahrh. n. Chr. Gleiches berichtet 
ApoUodor, Bibliotheca III, 151). — Plutarch (Symposiaca. L. VIH, quaestio 9) erwähnt, 
sein athenischer Gastfreund Ephebos habe in einem starken Samenerguß ein haarige.«, 
mit vielen Füßen geschwind laufendes Tierchen von sich gegeben (Spermatozoon). 



Die Puter tätsri teil der AläJdien und ilare Spuren im MärtJi en 



53 



Alexandersage belangreich sein soll. In die Vorgeschichte der dramatischen 
Handlung fällt ein Mordanschlag, den Räksasa, der Minister des letzten 
Königs der A7ö!«<ia- Dynastie, gegen den Kronprätendenten Candragupta aus- 
führte. Überwunden und zum Scheine sich unterwerfend, sandte er an ihn 
ein Giftmädchen, das er mit Zauberkunst hergerichtet hatte. Aber der 
scharfsinnige Ratgeber Candraguptas, der Brahmane Visnugupta Cänakya, 
der den bezeichnenden Namen Kautilya (der krumme Wege liebt) führte, 
durchschaute den Plan und wußte es zu veranstalten, daß ein unbequemer 
Verbündeter seines Schützlings, dem die Hälfte des zu erobernden Reiches 
zugesagt worden war, die Jungfrau erhielt und in ihren Armen seinen Tod 
fand. Die verderbliche Eigenschaft des Mädchens äußert sich nur an dem 
ersten Mann. Mit Anspielung auf eine berühmte Stelle des MahÜbhärata 
sagt Räksasa: Wie der Held Karna mit Indras Speer nur einen einzigen 
Gegner töten konnte, 

„So ward für Candragupta auch von mir 
Das Mädchen aufbewahrt, das einen nur 
Umbringen konnte 5 doch als Opfer fiel 
Ein andrer." 

Reinhold Köhler hat eine Gruppe von Märchen als „die Märchen von 
den Toten und von der Braut mit den Schlangen oder Drachen im Leibe" ^ 
beschrieben, ohne übrigens, wie Silberer hervorhebt, ihres Zusammen- 
hanges mit dem Giftmädchenmotiv gewahr zu werden. Ich will ein 
Märchen dieser Gruppe anführen: 

Nr. i8. Armenisch:^ — Ein wohlhabender Mann reitet durch einen Wald; 
da findet er einige Männer, die einen bereits verstorbenen Mann noch nach- 
träglich an einen Baum aufgehängt haben und den Leichnam entsetzlich schlagen. 
Als er sie fragt, was sie zu einer solchen Entweihung des Toten treibe, antworten 
sie, er sei ihnen Geld schuldig geblieben. Da bezahlt er ihnen die Schuld und 
begräbt den Toten. Jahre vergehen, er wird allmählich arm. In seiner Vater- 
stadt aber wohnt ein reicher Mann, welcher eine einzige Tochter hat, der er 
gern einen Mann geben möchte. AUein schon fünf Männer waren in der Hoch- 
zeitsnacht gestorben und keiner wagt mehr, 11m sie zu freien und ihr zu nahen. 
Nun wirft der Vater sein Auge auf diesen arm gewordenen Mann und trägt 
ihm die Tochter an. Der ist im Zweifel, ob er sein Leben wagen soU, und 
erbittet sich Bedenkzeit. Nun kommt eines Tages ein Mann zu ihm und bietet 
sich ihm als Diener an. „Wie sollt' ich dich in Dienst nehmen, da ich ia so 
arm bin, daß ich mich kaum selbst ernähren kann?" „Ich verlange von dir 

1) Reinbold Köhler: Kleinere Schriften. I. (Weimar 1898), S. 445. 

2) A. V, Haxthausen: Transkaukasia, I. (Leipzig 1856), S. 555 f. 



B4 



Alfred Wiiiterstein 



keinen Lohn, keine Kost, sondern nur die Hälfte von deinem künftigen Hab 
und Gut!" Sie werden darum einig. Nun rät ihm der Diener zu jener Heirat. 
In der Hochzeitsnacht stellt sich der Diener mit einem Schwerte ins Braut- 
gemach. „Was willst du?" „Du weißt, nach unserem Übereinkommen gehört 
mir die HäKte von deinem künftigen Hab und Gut; ich will das Weib jetzt 
nicht, aber ich will hier frei stehen bleiben." — Als nun die Neuvermählten 
entschlafen, kriecht eine Schlange aus dem Munde der Braut hervor, um den 
Bräutigam zu Tode zu stechen, allein der Diener haut ihr den Kopf ab und 
zieht sie heraus. Nach einiger Zeit verlangt der Diener die Teilung alles Hab 
und Guts, es wird geteilt; nun fordert er auch die Hälfte des Weibes. „Sie 
soll, den Kopf nach unten, aufgehängt werden, ich werde sie mitten durch- 
spalten." Da gleitet ihr die zweite Schlange zum Munde heraus. Nun aber 
spricht der Diener: „Es war die letzte, von nun an kannst du ohne Gefahr 
und glücklich mit dem Weibe leben. Ich aber fordere von dir nichts, ich bin 
der Geist des Mannes, dessen Leichneim du einst von der Schande und Qual 
des Schlagens errettet und fromm begraben hast!" Und verschwindet. 

Es ist klar, daß es sich in diesem Märchen und in anderen dieser Art 
um eine „gefährliche Braut" im Sinne des Giftmädchens handelt. Daß die 
Schlangen nicht aus dem Schöße, sondern aus dem Munde kommen, ist 
eine „Verlegung nach oben". Die Ähnlichkeit des Zuges, daß die Freier 
der Tochter des reichen Mannes in der Hochzeitsnacht sterben, mit der 
Liebesepisode im Buche Tobiae hat, wie Köhler ausführt, bereits Simrock^ 
bemerkt. Es handelt sich dort um folgendes: Sarah, die Tochter Raguels 
zu Ekbatana, will heiraten; nun will es ihr schlimmes Geschick, daß sie 
siebenmal nacheinander einen Mann auswählt, der ihr in der Brautnacht 
stirbt. Der böse Geist Asmodi, von dem sie verfolgt wird, tötet ihr die 
Männer. Sie bittet Jehovah, er möge sie lieber sterben lassen, als daß sie 
diese Schmach noch weiter erdulde. Sie wurde nämlich von den Mägden 
ihres Vaters deshalb geschmäht. Der achte Bräutigam, Tobias, wird ihr von 
Gott gesandt. Auch er wird in die Brautkammer geführt. Der alte Raguel 
aber, der nur scheinbar zu Bett gegangen ist, steht wieder auf und geht 
hinaus und gräbt dem Schwiegersohne vorsorglich das Grab und am Morgen 
schickt er eine Magd in das Brautgemach, um den erwarteten Todesfall 
festzustellen. Diesmal aber hatte Asmodi ausgespielt, denn Tobias lebte. 

Das ^^mocfi-Motiv ist von C. G, Jung in der obenerwähnten Arbeit* 
dahin gedeutet worden, daß es der Vater sei, der die Tochter für sich be- 
halten wolle, daß also das Inzestmotiv hier in der Vater-Tochter-Gestalt 

1) Karl Simrock: Der gute Gerhard und die dankbaren Toten (Bonn 1856). 

2) G. G. Jung: Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen, a. a. O 
S. 171 f- 



Die Piibertätsriteii der Mäcldiea uaJ itre Spuren im Märdicii 



55 



vorliege. Die Frage, ob Asmodi aus der giftigen Eigenschaft der Jungfrau 
zu erklären ist oder sich auf einen mythisch verdrängten Gewaltsanspruch 
des Vaters zurückführen läßt, ist im tieferen Sinne wohl überhaupt nicht 
vorhanden: der verfolgende Dämon Asmodi personifiziert ja die unfertige, 
an den Vater fixierte Sexualität der Tochter; die Schlange des Giftmädchens 
stellt sozusagen den männlichen Aspekt dieser Sexualität dar (Klitorislibido). 

In dem armenischen Märchen, das vom Standpunkte des Sohnes gedichtet 
ist, spielt der Vater eine bedeutende Rolle, jedoch nicht der Vater der Braut, 
sondern der des Bräutigams, also der Schwiegervater der Braut. Der dank- 
bai-e Tote (Diener) ist doch wohl eine Vaterfigur, und was die Teilung der 
Braut mit dem Bräutigam anbelangt, so verweise ich auf die Anmerkung 5 
zu S. 44, die die Rechte des Schwiegervaters auf die Braut bespricht. In 
dem Märchen gelangt zuerst eine feindselige Phantasie zum Ausdruck: der 
Verstorbene wird mißhandelt. Die Reue über dieses Vorgehen gibt sich dann 
in der Pietät gegen den geschlagenen Leichnam und in dem nachträglichen 
Gehorsam kund. Ein bedeutsames Motiv für den Vater-Sohn-Konflikt müssen 
wir wohl in der Nötigung sehen, die Liebe der Mutter zu teilen. Die 
Phantasie des Sohnes, der nach der herrschenden Sitte mit dem Vater (oder 
einer Vaterfigur) die Braut teilen mußte, mochte leicht das Urbild für 
diese in der Mutter erblicken. In unserem Märchen fällt die Teilungs- 
geschichte in die Sühneperiode ; demgemäß ist sie auch gefärbt. Die Teilung 
wird zur Wohltat, die Einmischung des Vaterersatzes (Diener), der symbolisch 
von der Braut Besitz ergreift (Schwert, Durchspaltung des Weibes), zur 
Rettung für den Sohn. Diese Vorstellungsreihe trifft da offenbar mit dem 
Glauben an die zauberische Gefährlichkeit der Jungfrau (der ersten cohabi- 
tatio) und den damit in Verbindung stehenden Bräuchen zusammen. 

Daß die Beschneidung der Pubertätskandidatinnen die Beseitigung 
der dem ersten Geschlechtsverkehr aus der Klitorissexualität (männlich,' 

Bei der weiblichen Pubertätsfeier der Basutos, eines Zweiges der Kaffern, ziehen 
die Mädchen Männerkleidung an, tragen Waffen und üben am Mannsvolke aller- 
hand Mutwillen (Ploß-Renz, a. a. O. S. 754). Bei den Bamangwato ,m südlichen 
Afrika schwingen die Mädchen eine Geißel mit Dornenzweigen, verfolgen die Bur- 
schen und peitschen sie. — Bei manchen Indianerstämmen Nordamerikas tragen die 
Mädchen während des Exils hohe konische Kopfbedeckungen, die wahrscheinlich 
phallische Bedeutung besitzen. Bezüglich der männlichen Parallelen verweise ich auf 
meine Arbeit „Der Ursprung der Tragödie« (Imago-Bücher, VIII, Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag, Wien 1925, S. 23). Daß Haarschur (oft gleichzeitig mit 
der Beschneidung vollzogen) und Zähneoperationen Kastrationsäquivalente sind, braucht 
hier wohl nicht näher begründet zu werden. (Siehe auch die Ausführungen über den 
Zahn eds Abbüd des Zeugungsorgans auf Seite 36 f.) - - • 



56 



Alfred M^interstein 



Fixierung an den Vater) drohenden Gefahren hezweckt, dürfte aus dem 
Vorhergehenden bereits klar geworden sein. Bisweilen wird die Operation' 
(Kastration) auch durch eine Vaterfigur (Zauberer, älterer Mann, alter Ver- 
wandter) ausgeführt. Da der Primitive ein Werden nur im Bilde von Tod 
und Wiedergeburt erfassen kann, ist diese Vorstellung häufig mit der einen 
Entwicklungsschub kennzeichnenden Zeremonie der Beschneidung verbunden. 
(Vgl. die Worte der beschneidenden alten Frauen in Deutsch-Tongo : „Ich 
weiß nichts 5 ich bin ein kleines Kind." Bei den Akikuyu^ schütten die 
Angehörigen den Kandidaten nach der Beschneidung Ströme von Milch 
über den Kopf und Körper, worauf sie als Erwachsene und Stammesmit- 
glieder gelten.) 

Wenn wir uns erinnern, daß den Mädchen im Exil manchenorts ver- 
boten ist, mit den Fingern den eigenen Körper zu berühren oder 
zu kratzen, und ihnen als Behelf ein Knochen, Kamm oder sonstiges In- 
strument gegeben wird, werden wir auch hierin vielleicht eine Vorkehrung 
gegen die Klitorismasturbation^ und die autoerotische Berührung des Leibes 
erblicken dürfen. In dem sizilianischen Märchen''' (Nr. 14, S. 52) bohrt 
die vierzehnjährige Prinzessin mit einem Knochen ein Loch in den 
Turm. Sollte der Turm in der bekannten Haussymbolik dort den jung- 
fräulich verschlossenen Leib darstellen, in den kein Loch gebohrt werden 
darf? Der Knochen hätte dann die gleiche phallische Bedeutung wie der 
befruchtende Sonnenstrahl und würde dem unbewußten Sinn des zuletzt 



1) Vielleicht dürfen wir die Schmerzvollen Bisse gewisser großer Ameisen, denen 
die weiblichen Novizen bei manchen Indianerstämmen in Guayana ausgesetzt werden, 
„um sie zum Ertragen der Last der Mutterschaft stark zu raachen", auch als Kastra- 
tionsäquivalent auffassen. 

2) Bei diesen bedeutet Beschneidimg Reinigung von der Sünde. Welcher Art 
diese Sünde ist, geht aus dem Glauben hervor, daß man mit der Sünde nur Bluts- 
verwandte infizieren könne (vgl. die Übertragung der Tabueigenschaft durch Berüh- 
rung) und daß auf den ersten Koitus der Tod (offenbar als Strafe für die Über- 
tretung des Inzesttabu) folge, weshalb die Burschen das nach der Beschneidung zum 
ersten Koitus mißbrauchte alte Weib (Mutterersatz") zu Tode steinigten, um die Todes- 
strafe von sich abzuwälzen, während die Mädchen ihren ersten Sexualpartner, einen 
unbeschnittenen Knaben, gar nicht zu töten brauchten, da der Unbeschnittene noch 
nicht als Mensch galt, Das Abschneiden eines Zweiges vom heiligen Baum, das der 
eigenen Beschneidung vorangeht, deutet symbolisch auf die Kastration des Vaters. 
(Vgl. auch das Abreißen der Zweige bei der Mädchenweihe der Atchuabo, S. 6 f.) 

5) Bei den Thompson-Indianem verbringen die Mädchen die langweiligen Stunden 
des Exils damit, von Tannenzapfen die Nadeln einzeln herunterzuzupfen (Mastur- 
bationsäquivalent ?). 

4) Siebe Anm. 5 zu S. 52. 



Die Putertatiriten der Mäddien und ilire Spuren im Märdien b>y 



besprochenen Pubertätsbrauches, der Entwöhnung vom Autoerotismus, ent- 
sprechen.' 

Auch der Kamm, der den Mädchen im Exil gegeben wird, um sich 
damit den Kopf zu kratzen, findet sich in gewissen Märchen wieder, in 
denen erzählt wird, daß sich das auf einem Baume^ sitzende, wartende 

Mädchen kämmt.3 

In unseren Zusammenhang fügt sich ferner das Märchen vom Marien- 
kind, das ich folgen lasse: 

Nr. 19. Aus Hessen (Grimm, K. H. M. Nr. 3). — Ein armes Mädchen ge- 
langt durch die Gnade der Jungfrau Maria in den Himmel. Dort geht es dem 
Mädchen über die Maßen wohl. Als es vierzehn Jahre alt ist, ruft Maria 
es zu sich und sagt: „Liebes Kind, ich habe eine große Reise vor, da nimm 
die Schlüssel zu den dreizehn Toren des Himmelreiches in Verwahrung : zwölf 
davon darfst du aufschließen, das dreizehnte ist dir verboten; hüte dich wohl, 
daß du es nicht aufschließest, sonst wirst du unglückBch." Das Mädchen ver- 
spricht, gehorsam zu sein, Maria begibt sich fort. Das Mädchen schließt alle 
Türen 'auf, auch die verbotene dreizehnte; „es weiß es ja niemand, wenn 
ich's tue", denkt es. Die Tür geht auf, das Mädchen sieht die Dreieinigkeit 
im Feuer und Glanz sitzen. Es rührt mit dem Finger ein wenig an den 
Glanz, da wird der Finger golden. Das Mädchen verspürt gewaltige Angst 
und läuft davon. Die Angst will nicht wieder weichen, was das Mädchen 
uch beginnen mag; das Herz klopft in einem fort und will nicht ruhig 
werden; auch das Gold bleibt an dem Finger und geht nicht ab, trotz 
Waschens und Reibens. 

Die Jungfrau Maria kehrt zurück und befragt das Mädchen emdrmglich 
um sein Verhalten; sie bemerkt den goldenen Finger. Das Mädchen aber 
leugnet; es wird darum aus dem Himmel verstoßen. Es versinkt in einen 
Schlaf' und erwacht in einer Wildnis. Es will rufen, kann aber keinen 
Laut hervorbringen; es springt auf und will fortlaufen, wird aber beständig 
von dichten Dornhecken zurückgehalten. Es lebt ein jämmerliches 
Leben in der Einöde; ein Baum ist seine Wohnung. 

Eines Tages entdeckt ein König auf der Jagd das schöne, hilflose Madchen. 
„Wer bist du?" fragt er; es kann nicht antworten; „wiUst du auf mem 



I) Die Ähnlichkeit des Knochens mit dem Finger zeigt, daß es sicli ebenso wie 
im neurotischen Symptom um eine Kompromißleistung zwischen verdrängender 
Instanz und Verdrängtem handelt. 

ä) In manchen Gegenden müssen die Mädchen im Exil auf Bäume klettern. Em 
verwandter Brauch ist in Südamerika die Verwendung von Hängematten, die das 
Mädchen zur kritischen Zeit von Himmel und Erde isolieren (vielleicht auch Schutz 
vor wilden Tieren). 

5) Auch im Schneewittchen-Märchen wird dem Mädchen sozusagen in sein Exil 
von der bösen Königin ein Kamm gebracht. Gehört am Ende die hoch oben auf 
einem Felsen sitzende, ihr Haar kämmende Loreley auch hieher? 



58 



Alfred Wi iiterstein 



Schloß?", und es nickt nur ein wenig mit dem Kopf. Der König gewinnt 
das stumme Mädchen lieb und vermählt sich mit ihm. Die Kinder, die aus 
dieser Ehe entsprießen, werden jedesmal gleich nach der Geburt von Maria 
in den Himmel entführt; Maria sagt zwar wiederholt zur Königin: „Willst 
du gestehen, daß du die verbotene Tür geöffnet hast, so will ich dir dein 
Kind wiedergeben und deine Zunge lösen", aber die Königin bleibt verstockt. 
Die Leute, die von alledem nichts wissen, glauben nicht anders, als daß sie 
ihre Kinder umbringe. Nachdem das dritte Kind verschwunden, läßt sich der 
König von seinen Räten überreden, seine Gemahlin hinrichten zu lassen. Auf 
dem brennenden Scheiterhaufen wird die Königin von Reue erfaßt und da 
erhält sie die Stimme wieder. „Ja, Maria, ich habe es getan!" ruft sie. 
Da kommt ein Regen vom Himmel und löscht die Flammen. Auch die 
Kinder werden ihr wiedergegeben. 

In einer psychoanalytischen Untersuchung dieses Märchens^ hat Herbert 
Silber er die „Sünde" des Mädchens als autoerotische Betätigung^ gedeutet 
und die Folgeerscheinungen der „Sünde" als damit zusammenhängende 
Symptome verständlich gemacht. Die Tür ist ein Symbol für das Genitale. 
Das geöffnete Genitale führt uns wieder in den Ideenkreis des Mädchen- 
exils zurück, und zwar um so mehr, als die Katastrophe des Märchens, 
eben das Öffnen der Tür und das Erblicken des Glanzes, wie das Märchen 
selbst erzählt, im vierzehnten Lebensjahre des Mädchens eintritt. Das 
Erblicken der Dreieinigkeits im Feuer und Glanz kann ferner mit dem 
verbotenen Schauen der Sonne zusammengebracht werden. Der folgende 
Abschnitt des Märchens erinnert uns wieder in der dargestellten Situation 
an das Mädchenexil: das Marienkind versinkt in Schlaf* und erwacht in 
einer Wildnis (Introversion, Tod und Wiedergeburt), wohnt auf einem Baum 
(zwischen Himmel und Erde), bringt keinen Laut hervor (Schweigegebot, 
Stummheit als Eigenschaft der Toten), wird von dichten Dornhecken zurück- 
gehalten (die vorgeschriebene Bewegungslosigkeit der Kandidatinnen im 
Exil). Der König, der sich mit dem stummen Mädchen vermählt, ist 
natürlich eine Vaterfigur. Am unteren Kongo heißt es, das von der Sonne 
beschienene Mädchen bleibe unfruchtbar oder bringe Ungeheuer zur Welt: 

1) Herbert Silberer: Phantasie und Mythos. Jalirbuch für psychoanalytische und 
psychopathologische Forschungen. II, 2 (Leipzig und Wien iqio), S. 585 f. 

2) Die goldige Verunreinigung, die das Mädchen in Unruhe versetzt (nervöses 
Herzklopfen) und zum Waschzwang führt, ist durch die Berührung des Dreiecks 
(Genitales) nut dem Finger entstanden, also eine Folge der Masturbation. 

3) Die sexuelle SymLolik der Dreieinigkeit, die man sich als Dreieck dargestellt 
denken kann, hebt auch Silberer hervor (a. a. O. S. 587). 

4) Vgl. auch die Worte des Exorzisten bei den Banivas (S. 18): „Der Geist hat 
deine Geliebte in einen Schlaf versenkt, der fast so tief ist wie der des Todes." 



Die Putei tätsritexi der Mäddieii und ikre Spure n im Märdieu 



ein solcher Gedanke (Strafe für den Inzest mit dem Vater) steckt vielleicht 
auch in der Kinderentführung durch Maria; daß mit dem Verschwinden 
der Kinder Mißgeburten abwechseln, lehrt uns die Vergleichung von Märchen. 
Oft vertauscht die böse Mutter die Kinder, die sie beseitigt, mit Hunden 
o dgl (z. B. Grimm, D. S., Nr. 554)^ daß es den Anschein gewinnt, die 
junge Königin hätte solche Tiere zur Welt gebracht. Die Feuerflammen 
am Schlüsse des Märchens dürften die Bedeutung erotischer Glut haben, 
die durch das Sperma des Vaters (Regen, der vom Himmel kommt) ge- 
löscht wird, aber auch jene Idee der Sühne und Reinigung (Verbrennen 
des Dämons) enthalten, die sich uns am klarsten in dem Bericht Ch äff an j ons 
vom Orinoco^ gezeigt hat. Während jedoch die am Ende der Märchen 
häufig stehende Verbrennung der Hexe auf eine negativ betonte Mutter- 
Imago^ weist, verrät der groteske Holzdämon der Banivas Beziehungen zur 
Vater-Imago Schließlich könnte das Geständnis der Königin auf dem Scheiter- 
haufen seine Analogie in der bei manchen Völkern (z. B. bei den Basum 
in Britisch-Südafrika und den Golah und Fai' in Liberia) üblichen Sunden- 
beichte der Pubertätskandidaten finden. 

Aus dem Berichte Chaffanj ons geht hervor, daß die Banivas die Pubertäts- 
ptome der Mädchen den ihnen von einem verliebten Teufel zugefügten 
Wunden zuschreiben. Dieser Pubertäts- oder Menstruationsdämon wird andern- 
orts auch in Tiergestalt (häufig als Schlange oder anderes väterlich-phalli- 
ches Tier) 3 vorgestellt und das Menstruationsblut selbst auf den Biß des 
Dämons oder auf den Liebesakt mit ihm zurückgeführt. Einige Beispiele 
sind uns bereits begegnet. Bei den Nutka-lnäi^nevn werden Bilder des mysti- 
schen Donnervogels auf die Schirme gemalt, hinter denen das Madchen 
sich versteckt;* bei den Basutos in Britisch-Südafrika werden die Mädchen 
vor dem Besuch einer großen Schlange gewarnt; 5 bei den Ckiriguano. des 
südöstlichen Bolivien laufen mit Stöcken bewaffnete alte Weiber in der 
Hütte der zum erstenmal Menstruierenden herum, „um die Schlange zu 
s chlagen, die das Mädchen verwundet hat^.^ Schomburgk^ erzählt von 

^) Die^böse, eifernde Mutter oder Stiefmutter, die das Exil bewirkt usw. und am 
Schluß der Geschichte zur Vergeltung verbrannt wird. 

k") In Neufjuinea auch als Krokodil. ' , „ 

4 S 12 --In diesem Zusammenhange mag angemerkt werden, daß die sonder- 
baren phallischen Türme von Zimbabye (Südafrika) von einem Vogelkopf gekrönt 
sind. (T. Bent in Journ. Anthrop. Inst. XXII, S. 125.) 

5) S. 7. 

6) S. 16. . . Q 

7) O. A. Schomburgk: Reisen in Britisch- Guayana. Leipzig 1847. 



1 



Allred Win terstem 



den Macusi-lnimnen, in Britisch-Guayana, daß bei ihnen die memtruieren- 
den Frauen und Mädchen den Wald niclit betreten dürfen, weil sie sonst 
den verliebten Angriffen der Schlangen ausgesetzt sein würden- bei den 
Saganda wurde die erste Menstruation als eine Heirat angesehen und von 
dem Mädchen als eine Braut gesprochen." Bei den Siamesen herrscht der 
Glaube, daß des Mädchens erste Menstruation von der Defloration durch 
Luf^getster herrühre.» Einige australische Stämme meinen, die Menstruation 
se, die Folge eines Traumes, daß ein Bandicoot die Geschlechtsteile des 
Madchens gekratz, habe.3 I„ Neubri.annien (Bismarck-Archipel) wird die 
Menstruatron auf den Biß eines göttlichen Vogels (Nashornvogel) zurück- 
geführt und in Portugal auf den einer Schlange.« Nach einem anderen 
Bencht halt man m Portugal dafür, daß die Frauen während des Monats- 
flusses von Eidechsen^ gebissen werden' können, und um sich vor dieser 
Gefahr zu schützen, tragen die Menstruierenden Unterhosen. Eine verwandte 
Vorstellung hegt dem Glauben zugrunde, daß die Frauen, insbesondere zur 
Zett de Pubertät, m Verkehr mit der Gottheit stehen. In Kambodscha 

Es fällt uns nicht schwer zu verstehen, wie der Prinütive. von sadisti- 
chen Vorstellungen beeinflußt, dazu kam. die monatliche Blutung, namen - 
hch dte erste als Folge eines Bisses oder eines sexuellen Verkehres (De- 
floration) .u deuten. Der bewirkende Dämon oder Geist zeig, nun deut ich 
gleich dem Unhold aus dessen Klauen die MärchenprinzessS befreit werden 
muß seine Herkunft vom Vater (oder vom väterlichen Phallus), ja biswU n 
heißt es geradezu daß das Mädchen Eigentum des Ahnengeist s 
den fi^aro wird das erste Kind Geisterkind genannt.)» Wenn wir d' 
blunge „ Wunde des Mädchens als Kastrationssymptom auffassen „ Ue: 
deck, sich die Vorstellung der Primitiven mit jener fiir viele neurotis ch; 

1) S. 7, Anm. 5. ~" ' 

2) S. 17, Anm. 3. 

3) Joum. Anthrop. Inst. XXIV, S 177 

4) Floß und Bartels: Das Weih. II "s. 330, 334. 

5) Floß und Bartels, a. a O 

6) Havelock Ellis: Studie« in the Psychology of Sex II S 2,7 

Stä^mefdürL^TifKfal '"'^''^Z-^.V ^'^^ ' ^^^'^^ -ntralaustralischen 

Eidechsen esl n^ tsfnsTZ Tet VtVZ ^-ß- 

8) S. 20. sexuelles Bedürfnis ahnorm gesteigert würde. 

9) Bei der Defloration wird sozusagen die Schlange des Giftmädchens vernichtet. 



Die PuLertätsriten der Mäddien und ihre Spuren im Märd. eil 



Frauen typischen Urphantasie, durch die Liebesbeziehung zum Vater kastriert 
worden zu sein. In der Auffassung, daß der blutige Monatsfluß oder das 
bei der Defloration vergossene Blut durch eine Kastration^ verursacht sei, 
steckt insofern ein gutes Stück psychologischer Wahrheit, als diese beiden 
Ereignisse für die männliche, unfertige Sexualität des Mädchens einen 
Abschnitt bedeuten. 

Der Vater dämon begnügt sich aber nicht immer damit, die Pubertäts- 
kandidatin zu verwunden oder mit ihr zu verkehren, bei manchen Völkern 
wird von ihm erzählt, daß er sie frißt und wieder von sich gibt. Ich 
erwähne als Beispiel die Golah und Fai in Liberia und die Mendi in Sierra 
Leone.=^ Bei diesen ist der Gedanke des mystischen Todes und der Wieder- 
geburt von beiden Geschlechtern bezeugt; die Wiedergeburt findet für beide 
Geschlechter während ihres Exils und durch den Dämon statt. Die gleiche 
Vorstellung scheint einem Brauch anderer westafrikanischer Stämme zu- 
grunde zu liegen. Dort gehen die mannbar gewordenen Mädchen in einen 
magischen Wald (engl. Greegree-bush) und bleiben in ihm, bis sie ver- 
heiratet sind. Müssen sie vorübergehend den Wald verlassen, so beschmieren 
sie sich mit weißem Lehm. Frazer^ vermutet mit Recht, daß die weiße 



j) Vereinzelt wird der Menstmationsdämon mit dem Monde identifiziert. Die 
Eingeborenen der Murrayinseln in der Torresstraße sehen, wie uns Archibald Hunt 
(Etlinographical Notes on the Miirray Islands, Torres Straits, The Journal of the 
Anthrop. Inst, of Great Brit. a. Ir., New Series, Vol. I, London 1899) berichtet, den 
Mond für einen jungen Mann an, der zu gewissen Perioden alle Frauen und Mädchen 
schändet, verursachend einen blutigen Ausfluß. Auch die Sinaugolo im Rigodistrikt in 
Britisch-keuguinea bringen die ursprüngliche Entstehung der Menstruation mit dem 
Monde in Verbindung (C. G. Seligman: The medicine, surgery and midwifery of 
the Sinaugolo. Journ. of the Anthrop. Inst, of Great Brit. a. Ir., Vol. XXXII, London 
1Q02) — Daß überhaupt hei den Pubertätsriten und bei den Märchen solare rnid 
namentlich lunare Vorstellungen (Weißmond und Schwarzmond, typische Zahlen, 
Tiersymbolik usw.) eine Rolle spielen, will ich natürlich um so weniger in Abrede 
stellen als ja die Psychoanalyse die mehrfache Determiniertheit auch dieser Schöp- 
fungen des primitiven Geisteslebens von vorneherein annimmt. Manche Zuge durften 
tatsächlich nur auf Beobachtungen, die am Himmel gemacht und vermenschlicht 
wurden, zurückzuführen sein. Den Nachweis der astralen Beziehungen m dem vor- 
liegenden Material überlasse ich jedoch den Mythenforschem von Fach. 

2) Ploß-Renz, a. a. O. S. 751. — Der Bauch des Geistes, in dem die Beschnei- 
dungskandidaten wiedergeboren werden, ist hier durch den „Teufel" vertreten, der 
die Kandidaten beiderlei Geschlechts bei Beginn des Unterrichts aufißt imd sie nach 
Abschluß der Lehrzeit als Wissende \vieder von sich gibt. — Die Einzelheiten dieser 
Initiation, darunter die Beichte, das Verbrennen der Initiationshütten usw. siehe bei 
Jean Marie Geston: Le Gree-Gree Bush chez les N^gres-Golah, Liberia. Anthropos VI, 
S. 729 ff. 

3) Frazer, a. a. O., II, S. 259. 



Alfred W^interstein 



Farbe ^ die Wiedergeburt der Novize anzeigen soll, führt jedoch unrichtiger- 
weise zur Unterstützung seiner Behauptung die Tatsache an, daß das Neger- 
kind bald nach der Geburt schiefergrau wird. Das ist nicht dasselbe wie 
weiß und die Sitte findet sich auch anderwärts. Auch in Okyon, Distrikt 
Calabar, muß ein Mädchen mit weißem Lehm bedeckt sein, wenn es das 
Masthaus verläßt. Bei den Akikuyu in Britisch-Ostafrika unterziehen sich 
die Mädchen in gleicher Weise wie die Knaben dem Ritus der Wieder- 
geburt. In welchem Alter dies geschieht, hängt von der Vermögenslage ab, 
in der sich der Vater des Kandidaten befindet; denn er muß eine Ziege 
beschaffen, deren Gedärme bei der mimetischen Geburtszeremonie ver- 
wendet werden.^ Bei den Ot Damms auf Borneo werden die Mädchen, 
wie wir gesehen haben, 3 vor Eintritt der Geschlechtsreife in einer Zelle 
eingeschlossen und von jedem Verkehr mit der Außenwelt abgesperrt. Wenn 
sie nach Eintritt der Pubertät wieder herauskommen, werden ihnen die 
Sonne, die Erde, das Wasser, die Bäume und die Blumen gezeigt, als ob 
sie neugeboren wären. Dieser merkwürdige Zug kommt, soviel ich fest- 
stellen konnte, bei den Mädchenweihen nur ganz vereinzelt vor, während 
er bei den Exilbräuchen der Jünglinge ziemlich allgemein verbreitet ist: 
die aus der Verbannung Zurückkehrenden haben ihr Heim, ihre Verwandten, 
ihre häuslichen Gewohnheiten, ja ihr ganzes früheres Leben vergessen* und 
benehmen sich so wie kleine Kinder. Im Gegensatze zum Mädchen soll ja der 
Knabe von der Mutter getrennt werden; denn nur so lernt er zwei Dinge 
überwinden: den Inzestwunsch (mag dieser auch nicht manifest sein) und jene 
Trägheit, die ihn am liebsten unter der liebevoll sorgenden Obhut der Mutter 
verweilen heißt. Tatsächlich befinden sich die Knaben bis zum Exil in der 
Obhut der Weiber und verlassen sie mit der Pubertätsweihe, um als Bewohner 
des Klubhauses der Männer in ein gefährliches Leben der Jagd und des 
Kampfes, das auch der Liebesabenteuer nicht bar ist, zu treten 



1) Der in manchen Bräuchen vorherrschende schwarze Gesichtsanstrich verrät 
wiederum eme Beziehung zur Unterwelt, also zum Tod. 

2) Eine ausführliche Beschreibung dieser Zeremonie bei W. and K. Routledffe- 
With a Prehistoric People, the Akikuyu of British East Africa (London 1910), S 1 = 2' 
Siehe auch meine Abhandlung: Der Ursprung der Tragödie (Internationaler Psycho- 
analytischer Verlag 1925, S. 80, 81). 

3) S. 11. 

4) Ob das Vergessen ein bloßer Schein ist, den die Neophythen nach der Vor- 
schritt vortauschen müssen, oder ob eine wirkliche durch Suggestion und Gifttränke 
hervorgerufene ümnebelung des Gedächtnisses vorliegt, läßt sich schwer entscheiden 
Die wirkliche Amnesie ist vielleicht das Ursprüngliche, die bloße Markierung eine 
Abschwachung des Brauches. ^ 



Die Puibertätsriteii der Mädtäien und ihre Spuren ira Märdieii 



63 



Wenngleich der Gedanke der Wiedergehurt bei den Pubertätsriten der 
Mädchen im allgemeinen weniger stark ausgeprägt erscheint^ als bei denen 
der Knaben, so hat doch das Exil der Mädchen in gleicher Weise wie das 
der Jünglinge etwas von einem Aufenthalt in der Unterwelt, d. h. von 
einer Rückkehr in die Intrauterinsituation an sich. Beispiele hiefür enthält 
der erste Teil der Arbeit in großer Anzahl. Bei den Knaben heißt es viel- 
fach, ein Ungeheuer habe sie verschlungen;^ bei den Mädchen klingt 
diese Vorstellung nur vereinzelt an. Die Knaben werden durch Geister 
geholt und getötet, auch werden durch Geister ihre Organe ausge- 
wechselt; 3 bei den Mädchen heißt es öfters, ein Geist habe sie verwundet 
(defloriert).* 

Die Exilbräuche sorgen in ausgiebiger Weise für Introversion. Dazu 
tragen nicht nur Absonderung und Dunkel bei, sondern neben anderen 
Mitteln auch das Fasten. Denn der Schwächezustand, der anhaltendem 
Hungern folgt, erzeugt leicht Sinnestäuschungen, Visionen, Ekstasen. Diese 
Dinge gestatten dem Naturmenschen, wie er glaubt, den Blick in die Zukunft 
und den Verkehr mit den Geistern. Nicht überall ist aber völliges Fasten 
verordnet, häufiger genügt die Enthaltung von gewissen Speisen. Das Verbot 
einzelner Speisen läßt sich gewiß nicht immer aus einer Quelle erklären, 
doch scheint in vielen Fällen ihre sexualsymbolische Bedeutung (Fleisch, 
Fisch, 5 Reis, Eier usw.) eine Rolle zu spielen. Bei dem Indianerstamm 
Bella Coola (Bilqula) in Britisch- Columbien herrscht z. B. folgender Glaube: 
Äße ein Mädchen zur kritischen Zeit frischen Lachs, so würde 
sein Mund in einen langen Schnabel verwandelt werden oder 



1) In den Zeremonien der Atchuabo sind Tötungs- und Wiedergeburtsriten gar 
nicht vorhanden. 

2) Noch in der Handlung von Schillers bekannter Ballade „Der Taucher" spricht 
sich ein ähnlicher psychischer Inhalt aus wie in den Jünglingszeremonien. 

5) Die Entnahme von Organen der Pubertätskandidaten zwecks Austausches mit 
dem Totem klingt in der Bezeichnung des Exilhauses der Awanhonde-WAAchen am 
Nqrdende des Nyassa-Sees (Ostafrika) an: „Haus der Mädchen ohne Herz.« In 
dem türkischen Märchen Nr. 8 legen die Peris dem toten Mädchen ein Fragment des 
Hirschherzens, an das sein Leben gebunden ist, in den Mund. Bezüglich des Aus- 
tausches von Organen verweise ich auch auf das griechische Märchen Nr. 7. 

4) Dem Glauben, daß das Mädchen im Exil mit dem Dämon verkehrt, entspricht 
in einer tieferen Schicht die bei neurotischen Fraflen nicht selten anzutreffende 
Phantasie, vom Vater im Mutterleib koitiert zu werden. 

5) Die Mädchen der Lkungen, „welche kurz vor der Reife stehen, dürfen von 
den Fischen nicht Stücke aus der Nachbarschaft des Kopfes essen, sondern mir 
Schwänze und die angrenzenden Teile, damit sie sich Glück in der Ehe sichern" 
(Boas). 



64 



es würde das Bewußtsein verlieren/ Die dem Mädchen angedrohten 
Folgen (Tierverwandlung, Tod) erinnern an jenen Vorgang, der nach der 
Anschauung J. G. Frazers^ die Essenz der laitiationsriten bildet: der 
Jüngling wird als Mann getötet und in Gestalt jenes Tieres wiederbelebt, 

das hinfort in einer besonderen Beziehung — als Schutzgeist (Totem) 

zu ihm steht. Der Kandidat hinterlegt also nicht nur seine Seele in dem 
Totem, sondern eignet sich auch das Wesen des Tieres und somit dessen 
Eigenschaften an (Identifizierung) 3 In unserem Beispiele scheint die Tier- 
identifizierung den Charakter einer Strafe zu tragen — aber wofür? Wüßten 
wir, daß bei jenem Indianerstamm der Lachs als Totem verehrt wird, so 
wäre die Vermutung erlaubt, daß das obige Speiseverbot + die Absicht aus- 
drückt, das Mädchen vom Geschlechtsverkehr mit dem Vater-Totem ab- 
zuhalten (Aufrichtung der Inzestschranke auf der oralen Stufe). Die strafweise 
Verwandlung des Mundes in einen langen Schnabel (Verlegung nach oben) 
birgt natürlich auch eine Wunscherfüllung in sich: das Mädchen erhält 
einen Penis, der so groß ist wie der des Vaters. Auf jeden Fall dürfte der 
verbotene Fischgenuß hier für den verbotenen Geschlechtsgeouß stehen. 
Auch Ploß-Renz5 betont die Beziehung zur Sexualität und führt als 
Beispiel die ^mra-Buschleute im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika an. 
Diese verbieten ihren Söhnen und Töchtern vor deren Mannbarkeit den 
Genuß von Wildbret, bei der Reifefeier ahmen sie selbst aber die Laute 
brünstigen Wildes nach und von da an ist das obige Verbot für die 
gereifte Jugend aufgehoben. Der Genuß von Wildbret erscheint hier demnach 
als Symbol des Geschlechtsgenusses (Inzest). Beim YaraikannaStSimm der 
Halbinsel Kap York im nördlichen Queensland darf die Reifekandidatin 
während ihrer Absonderung nichts essen, was im Salzwasser lebt; sonst 
würde eine Schlange sie töten. Die Schlange als der väterliche Phallus ist 



1) J. G. Frazer: Balder the Beautiful. Vol. I, S. 47 (London loiz. The Golden 
Bough, Part. VII). 

2) Prazer, a. a, O., Vol. II, S. 272. 

5) Vielleicht hängt die Tierverwandlung in den Märchen Nr. 11 und 12 mit 
diesem Vor Stellungskreise zusammen. 

4^ Die Tsimskian-Mkdchen dürfen während des Exils Männer, frischen Lachs 
und Olachen (eine Fischart?) nicht einmal anschauen. Bei den jffairfa-Indianem 
auf den KÖnigin-Gharlotte-Inseln darf die Pubertätskandidatin durch fünf Jahre 
kemen Lachs essen; sonst würde der Fisch selten werden. Überhaupt ist jedes Zu- 
sammentreffen des tabuierten Mädchens mit dem Lachs, der wahrscheinlich ein 
Hauptnahrungsmittel der Haida-Indianer bildet, von den schlimmsten Folgen begleitet. 
Diese Begründung ist wohl für das Speiseverbot ausreichend. 

5) Ploß-Renz, a. a. O., II, S. 736. 



Die Puliertätsriten der Mäddien untI ilire Spuren im M^ärdien 



65 



uns in diesem Zusammanhange bereits geläufig ; das Töten bedeutet wohl nicht 
nur die Strafe für den Inzest, sondern auch den Inzest selbst. Ob bei dem 
obigen Speiseverbot der Nachdruck mehr auf die salzige Beschaffenheit des 
Wassers (Meer als befruchtendes, mütterliches Element) oder auf die im 
Salzwasser lebenden Tiere (Fische als phallische Symbole) zu legen ist, 
läßt sich nicht entscheiden; in anderen Fällen ist der Salzgenuß das Ver- 
botene. So muß ein Hindumädchen nach Eintritt der Pubertät in seiner 
Diät Salz vermeiden; dies wird auch ausdrücklich von den Tiyan in 
Malabar bezeugt. Bei den Indianern der Südostküste Brasiliens durften, 
wie ein Reisender des sechzehnten Jahrhunderts berichtet,' die Mädchen 
zur kritischen Zeit weder Salz noch Fleisch kosten. Das Verbot, mit Salz 
in Berührung zu kommen, besteht an manchen Orten auch für menstruierende 
Frauen überhaupt. Bei den Wagogo im ehemaligen Deutsch-Ostafrika dürfen 
die Frauen während des Monatsflusses kein Salz in die Speisen geben.^ 
Die Anyanja in Britisch-Zentralafrika, am Südende des Nyassasees, verbieten 
den Frauen zu dieser Zeit, Salz in die Speisen, die sie kochen, zu tun; 
sonst würden die Leute, die davon essen, an einem bestimmten Übel 
erkranken. Deshalb muß die betreffende Frau ein Kind rufen, um die 
gpeise zu seJzen.^ In Syrien darf bis zum heutigen Tage eine menstruierende 
Frau weder salzen noch einpökeln.* In Annam ist es ihr verboten, irgendein 
Nahrungsmittel zu berühren, das mit Salz konserviert werden muß. 5 Wir 
wissen seit E. Jones'^ schöner Abhandlung, daß sich bei sehr vielen Ge- 
bräuchen und abergläubischen Vorstellungen eine symbolische Beziehung 
zwischen Salz einerseits und Ehe, geschlechtlichem Verkehr und Potenz'' 
anderseits nachweisen läßt; für das Unbewußte besteht eine Gleichung 

1) Andr6 Thevet: Cosmographie Universelle (Paris 1575). II, 9466 (980) ff.; 
id. : Les Singularit^s de la France Antarctique, autrement nomm^e Am^rique (Anvers 

1558,) S. 76. 

2) Rev. H. Coler Notes on the Wagogo of German East Africa. Journal of the 
Anthropological Institute. XXXII. (1902), S. 509 ff. 

5) H. S. Stannus: Notes on some Tribes of British Central Africa. Journal of 
the Royal Anthropological Institute, XI. (1910), S. 305. 

4) EijObAbela: Beiträge zur Kenntnis abergläubischer Gebräuche in Syrien. Zeit- 
schrift des deutschen Palästinavereins. VII. (1884), S. 111. 

5) Paul Giran: Magie et Religion Anamite (Paris 1912), S. 107 ff., 112. 

6) Ernest Jones: Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der Völker. 
Imago I, 4, u. 5. Heft, 1912. 

7) In dem Grimmschen Märchen von der Gänsehirtin am Brunnen (Nr. 179) 
findet die dritte Tochter auf die Frage, wie lieb sie den Vater hat, keinen anderen 
Ausdruck für ihre Liebe als den Vergleich mit dem Salz. (Zitiert bei Freud: Das 
Motiv der Kästchenwahl. Ges. Schriften, Bd. X.) 



Winterstein: Pubertätsriten der Mädchen. 



S 



GG 



Alfred W 



Salz = Samen = Urin. Dieser Zusammenhang zwischen sexueller Abstinenz 
und Enthaltsamkeit von Salz ist auch Frazer^ bei Besprechung der Pubertäts- 
bräuche der Mädchen, wie sie unter den Stämmen von Britisch- Zentral- 
afrika üblich sind, aufgefallen. Dort muß ein Mädchen nach Eintritt der 
Geschlechtsreife mit einem Manne verkehren, gleichgültig, ob es ihr Gatte 
oder ein anderer ist. Während des Exils ist ihr der Genuß von Salz verboten, 
nach der Vermählung aber stellt sie einen Topf mit gesalzener Zukost 
vor der Hütte ihrer leiblichen oder ihrer „Exilmutter" nieder, offenbar 
zum Zeichen, daß ihr Gatte potent ist. Denn es heißt ausdrücklich, daß 
diese Handlung unterbleibt, wenn die Frau ihren Mann impotent befindet. 
In diesem Falle muß sie sogar einen Ehebruch begehen, damit die Zukost 
verteilt werden kann und gewisse Personen ihre Füße damit einreiben 
können (Fruchtbarkeitszauber, Fuß als phallisches Symbol).^ Auch von dem 
Salzverbot scheinen sich Spuren im Märchen erhalten zu haben. In dem 
griechischen Märchen Nr. 7 3 kostet die Braut vom versalzenen Brot und 
führt dadurch die Katastrophe herbei; die Geblendete kommt dann nach 
langem Umherirren zu einer Alten im Walde (Exil). Ganz ähnlich verliert 
im türkischen Märchen Nr. 8^ die Braut infolge des Genusses der salzigen 
Speise ihre Augen und wird auf einem Berg ausgesetzt. In beiden Märchen 
erfolgt die Strafe (Beschädigung des Genitales) für den verbotenen Genuß 
(Masturbation mit Inzestphantasien?). 

Märchen wie die eben erwähnten mit dem Verlauf, daß die Braut auf 
der Fahrt zum Verlobten beseitigt wird, indem sie von der Nebenbuhlerin 
oder deren Mutter verstümmelt und in diesem hilflosen Zustande verlassen 
wird, dürften ihrer psychischen Motivierung nach auch einen Zusammenhang 
mit den vermeintlichen Mut- und Standhaftigkeitsproben der Pubertäts- 
bräuche besitzen. Ich sage „vermeintlichen", ohne bestreiten zu wollen, 
daß dieses Motiv sekundär mitwirken mag, gewöhnlich iedoch in geringerem 
Maße als bei den Knaben. Die eigentliche, unbewußte Absicht dieser 
raffinierten Quälereien wird hier — entsprechend der Auffassung Reiks^ — 
die Bestrafung der inzestuösen und feindseligen Regungen der weiblichen 
Novizen durch die von unbewußter Vergeltungsfurcht beherrschten Mütter 



1) Frazer: Balder the Beautiful. Vol. I, S. 26. 

2) Frazer, a. a. O. S. 25 ff. — S. 5 f. dieser Arbeit. 
5) S. 29. 

4) S. 30. 

5) Th. Reik: Die Pubertätsriten der Wilden. (Probleme der Religionspsychologie, 
I. Teil, S. 72.) 



Die Putertätsriteii der Mäcldieii und itre Spui'cn im MärcJieu 



sein. Damit steht die Tatsache nicht in Widerspruch, daß an manchen 
Orten auch noch andere Personen an den Züchtigungen teilnehmen oder 
daß man sich die feindlichen Impulse in einem Dämon verkörpert denkt, 
den man auf diese Weise austreiben muß. Es ist jedoch im einzelnen 
Falle schwer zu entscheiden, ob die negative Seite der Lustration oder 
die positive des Fruchtbarkeitszaubers (Schlag mit der Rute) die Vor- 
stellung des Primitiven mehr beeinflußt; sie sind eben in Gedanken überhaupt 
nicht recht voneinander zu trennen. 

Wir erinnern uns zunächst daran, daß bei den Atchuabo in Portugiesisch- 
Ostafrika die Reifekandidatin von der Zeremonienaufseherin geohrfeigt wird, 
„damit sie denke, das, was ich tat, ist schlecht" (a. a. 0. S. 89, siehe S. 7 
dieser Arbeit). Die Mutter sagt zur namungu: „Schlagt mein Kind; denn 
es hört nicht auf das, was ich sage" (a. a. O. S. 87). 

Wir wissen ferner, daß bei den Macusi in Britisch-Guayana das mann- 
bar gewordene Mädchen von der Mutter mit dünnen Ruten gegeißelt wird, 
ohne einen Schmerzensschrei ausstoßen zu dürfen; auch wird sie den 
schmerzvollen Bissen gewisser großer Ameisen ausgesetzt.' Solche Mut- und 
Standhaftigkeitsproben, bei denen die Mädchen gegeißelt, von Ameisen ge- 
bissen^ werden oder Schnittwunden erleiden, werden auch von vielen an- 
deren Indianerstämmen Südamerikas berichtet. 3 Bei den Uaupes in Brasilien 
empfangen die Kandidatinnen von jedem Familienmitglied und Freunde 
mehrere Hiebe über den ganzen nackten Leib, die bisweilen selbst zum 
Tode führen; es gilt als eine Beleidigung der Eltern, nicht heftig zu 
schlagen.''' Hier scheinen also die Familienmitglieder^ und Freunde die 
Rolle der züchtigenden Eltern übernommen zu haben. Bei den Banivas 
im Stromgebiete des Orinoco wurde das mannbar gewordene, an einen Pfahl 
angebundene Mädchen von alten Männern blutig gegeißelt.^ Die Schläge 
waren aber dazu bestimmt, den im Pfosten verkörperten Dämon auszutreiben, 
der sozusagen die inzestuöse Fixierung der Tochter darstellte. Als „Mut- 

s. 15. 

2) Der Stachel der Wespen und Ameisen erinnert PI oß -Renz (Das Kind. II, 
S. 721) an die Bedeutung Wuotans als „pmetrans" (Penis). 

5) Beispiele bei Frazer: Balder the Beautiftil, Vol. I, S. 57 ff. 

4) S. 16. 

5) Auf zwei Inseln der Toires-Straits (Yam und Tutu) wird das Mädchen im 
Exil von zwei Tanten väterlicherseits durchgebleut. 

6) S. 17 f. — Das Anbinden am Pfahl objektiviert gleichsam die Bindung an 
den Vater. Ich möchte hier auch auf die Beziehung dieser Szene zu der neuroti- 
schen Phantasievorstellung „Ein Kind wird geschlagen" hinweisen. Siehe Freuds 
gleichnamige Arbeit. (Ges. Schriften, Bd. V.) 



68 



Alfred "W^iuterstem 



und Standhaftigkeitsproben" sind wohl auch die Prüfungen zu betrachten, 
denen sich die Mädchen unter den Stämmen des Tanganyika-Pla.tesLUs in 
Afrika unterziehen: sie müssen über Zäune springen,' ihren Kopf in einen 
Dornenkragen zwängen^ usw. — Daß im Märchen Mißhandlungen der 
Heldin und ihr auferlegte schwere Aufgaben im nämlichen Familienkonflikte 
wie die ähnlichen Bräuche bei den Pubertätsweihen wurzeln und hiebei 
alle möglichen Ausdrucksformen gefunden haben, bedarf nach dem Voran- 
gehenden keiner besonderen Beweise mehr. Statt der feindseligen Mutter 
erscheint oft eine böse, eifernde Stiefmutter, Amme o. dgl. Auf einen Zug 
möchte ich noch aufmerksam machen, der nach Arfert^ in einer be- 
stimmten Gruppe von Märchen vertreten ist: die Heldin wird von der 
neidischen Nebenbuhlerin durch einen Nadelstich in einen Vogel verwandelt, 
Todes- und Deflorationsmerkmal treffen in dem Symbol zusammen; die 
Tierverwandlung hat zweifellos sexuelle Bedeutung, man könnte hier aber 
auch an die Beziehungen zwischen Totemismus und Initiationsriten denken.* 
Ein Beispiel dieser Art sei mitgeteilt: 

Nr. 20. Walachisch.5 „Die Ungeborene, Niegesehene." Eine solche Braut 
ist von einer Mutter dem Sohne im Scherz versprochen worden. Er zieht 
aus, sie zu suchen, und erhält von drei alten Frauen drei goldene Äpfel, aus 
denen drei wunderschöne Mädchen hervorkommen. Mit dem dritten zieht er 
heim und läßt es kurz vor der Stadt an einem Brunnen zurück, um die Vor- 
bereitungen zu seinem Empfange zu treffen. Die Braut fürchtet sich allein in 
der Wildnis und steigt auf einen Baum. Kurz darauf kommen eine 
Zigeunerin und ihre Töchter zu dem Brunnen, um Wasser zu schöpfen. 
Sie sehen in der Quelle das Spiegelbild der Prinzessin und die junge Zigeunerin 
glaubt, es sei das ihrige. Hierüber kann sich die Braut des Lachens nicht 
erwehren^ und wird so entdeckt. Durch schmeichlerische Reden lockt die 



1) In dieser Symbolhandlung treffen drei Tendenzen zusammen: Überwindung des 
Geburtstrauraas, Lösung von der Mutter und Identifizierung mit dem Mann. 

2) S. 5. — Die Geburtssymbolik darf neben der Kastrationsbedeutimg nicht über- 
sehen werden. 

5) P. Arfert, a. a. O-, Gruppe I, b und c, S. 7. 

4) Vgl. S. 64. — Die neidische Nebenbuhlerin würde im Märchen die Rolle des 
Totemtieres, Dämons, Ahnengeists, Vaters übernehmen, der den Kandidaten tötet 
und dann zu neuem Leben erweckt. Bei den Zaubererweihen in Australien, die den 
Pubertätszeremonien verwandt sind, glauben die Initianden, die Geister stießen ihnen 
einen Speer durch den Kopf (Befruchtungs Symbolik V 

5) Schott: Walachische Märchen, Nr. 25. Stuttgart-Tübingen 1845. — Arfert, 
a. a. O. S. 27 f. 

6) Brechen des Schweigegebots, Lachen als Lebensäußerung; den Mädchen im 
Exil ist oft untersagt, mit anderen Personen als mit der sie betreuenden Frau zu 
sprechen. 



Die Putertätsriten der jMädtlieii und ilire iSpureii ini Märdieu 



69 



Alte sie vom Baum herunter und sticht ihr unter dem Vorwand, ihre Haare 
kämmen zu wollen, eine Nadel in den Kopf, so daß sie, in eine Taube 
verwandelt, davonfliegt. Nun schmückt sich die Tochter mit ihren Kleidern 
und steigt auf den Baum, wo sie von dem über diese Verwandlung erstaunten 
Jüngling abgeholt wird. Sie beruhigt ihn mit der Erklärung, daß die Sonne 
sie so verbrannt^ habe. Eines Tages kommt dem Bräutigam die Taube in 
die Hände. Beim Streicheln entdeckt er die Nadel, zieht sie heraus und seine 
rechte Braut steht vor ihm. 

Die dunkle Gesichtsfarbe der Zigeunerin — in anderen Märchen 
dieser Gruppe ist es eine Mohrin — erinnert an den schwarzen Anstrich 
der Pubertätskandidaten beiderlei Geschlechtes bei manchen Völkern.^ Eine 
schwarze Stirnkruste erhält die Novize der Badaga im südlichen Vorder- 
indien; schwarz ist das Gesicht der Pubertätskandidatinnen der Koluschen 
(Beringstraß e) in ihren Isolierhütten bemalt; in Yam und Tutu, zwei Inseln 
der Torres-Straits, werden die Novizen auf dem ganzen Körper mit Kohle 
geschwärzt; schwarz oder dunkelblau bemalt man den südamerikanischen 
Indianermädchen zu dieser Zeit den Rücken am Igana und Caiary-Uaupes, 
Nebenflüssen des Rio Negro; bei den Kdua wurde den Mädchen zum 
Zeichen ihrer ersten Menstruation der Rücken mit schwarzer Farbe über- 
strichen; blaue Streifen erhalten sie bei den Charuas-, Minuanes- und 
Payaguas-lnAia.neTnfi Blau und Schwarz können sich demnach bei obigen 
Indianern vertreten. Blau aber ist, wie Weygold mitteilt,''' bei den nord- 
amerikanischen Dakotas die Farbe der Erde, der Fruchtbarkeit und des 
Friedens (ebenso Rot). Daß Schwarz als Farbe der fruchtbaren Erde, der 
Unterwelt, des Todes ^ (nach Bachofen auch des Hetärismus) für die 
Fubertätsweihen Bedeutung besitzt (Tod und Wiedergeburt), ist uns ohne- 
weiters verständlich,^ Eine noch größere Rolle scheint die rote Farbe, 



1) Vaterinzest. Schwarz ist die Farbe der Hitze, der Sinnlichkeit. 

2) Sollte die Nadel der Zigeunerin auch einen Zusammenhang mit der bei Täto- 
wierungen verwendeten Nadel hahen? Die Erlangung des Stammeszeichens könnte 
als „Verwandlung" gedeutet werden. 

5) Ploß-Renz: Das Kind, IL Bd., S. 725 f-; Frazer, a. a. O., I, S. 41. 

4) Weygold: Die Hunkazeremonie. Archiv für Anthropologie, N. F. XI (1912), 
S. 151, Anm. 

5) Bachofen (Das Mutterrecht, 8. 15, Stuttgart 1861) erinnert an die enge Ver- 
bindung von Leben und Tod in der Auffassung der Alten Welt und an das daraus 
hervorgehende doppelte Symbol der schwarzen (und weißen) Farbe für Leben, Frucht- 
barkeit und Tod. (Zit. bei Ploß-Renz, a. a. O. S. 724, Anm. 5.) — Das Schwärzen 
der Zähne der Mädchen im Kambodscha (siehe S. 21) und im ostindischen Archipel 
dürfte jedenfalls auch durch die symbolische Bedeutung der Zähne determiniert sein. 

6) Siehe auch S. 62, Anm. 1. 



70 



Alfred Winterätein 



allein oder in Verbindung mit anderen Farben zu spielen. ^ Rot ist die 
Farbe des (Menstruations-) Blutes, des Feuers, jedenfalls auch ein Libido- 
symbol, was seine Verwendung bei den Mannbarkeitsriten erklärlich macht. 
Frazer^ erwähnt rote Bemalung bei den Mädchen der Kaffernstämme in 
Südafrika und der Stämme am unteren Kongo, bei den Mädchen der Yabim 
und Bukaua in Neuguinea (rote Streifen auf weißem Grunde), in Nord- 
australien (rote Farbe kombiniert mit weißer, gelber und Kohlenfarbe) und 
Victoria, auf den Inseln der Torres-Straits (rote und weiße Farbe), in 
Britisch- Columbia (Thompson- und Lilloet-Indianern) ; rot werden ferner 
nach Ploß-Renz3 die Pubertätskandidatinnen der Tapuya an der brasi- 
lianischen Ostküste bemalt, schwarz, weiß und rot die Novizen in Loango 
(Westafrika), rot jene der Fjort im französischen Kongo und der Ama-Kosa 
im südöstlichen Teil dieses Kontinents sowie die Kandidatinnen der Roro- 
Papuas auf Neuguinea; auf Karesau besuchen sie tief im Wald einen Baum 
mit roter Rinde, Kaimer genannt.'f Mit den eben besprochenen Bräuchen 
verwandt ist das Tatauieren. Weibliche Kandidaten werden dieser Ope- 
ration in gleicher Weise wie die männlichen unterworfen. Wir finden sie 
bei Dravidas, Arabern, Negern, malayisch-polynesischen Völkern, Papuas, 
Australiern und Indianern. Bei einzelnen Völkern wird sie in einer so 
qualvollen Weise, auch am weiblichen Geschlecht, ausgeführt, daß sie als 
„Mut- und Standhaftigkeitsprobe" den Geißelungen und den Ameisenbissen 
nicht nachsteht. Etwas Ähnliches scheint der von einem Ansiedler des 
sechzehnten Jahrhunderts 3 überlieferte Brauch bei den Indianern der Süd- 
ostküste Brasiliens gewesen zu sein. Wenn ein Mädchen das kritische Alter 
erreicht hatte, wurden seine Haare weggebrannt oder abgeschoren. Dann 
wurde sie auf einen flachen Stein gesetzt und mit dem Zahn eines Tieres 
von den Schultern den ganzen Rücken hinunter geschnitten, bis sie blut- 
überströmt war. Hierauf wurde die Asche eines wilden Kürbisses in die 



i) Die namungu sagt bei den Atchuabo: „Wir Weiber, wir sind rot, wir sind 
schwarz, wir sind weiß, wir sind Blätter des Zitronenbaumes. Rot am Geschlechts- 
teil, weiß usw." (Schulien, a. a. O. S. 91). 

a) Frazer: Balder the Beautiful, Vol. I, S. 30, gi, 35, 38, gg, 40, 50, 52, 78. 

3) Ploß-Renz, a. a. O. S. 724. 

4) Vgl. au den vorstehenden Ausführungen Hans Christoffels Untersuchung über 
„Farbensymbolik« (Imago, Festschrift, XII. Bd., Heft 2/3, 1926}. Schwarz, Rot und 
vielleicht Gmn sollen das männliche Prinzip, den Vater, Weiß, Blau und Gelb das 
weibhche Prinzip, die Mutter symbolisieren. 

5) Andrö Thevet: Cosmographie, Universelle (Paris 1575) II, S. 946 B. (980) £f.; 
id.: Les Singularit^s de la Prance Antarcticpie, autrement nomm^e Am^ricme (Anvers 
1558)» S. 76. 



Die Piitertätsriten äer MäJciien und itre Spuren im len 



71 



Wunden verrieben, das Mädchen an Händen und Füßen gebunden und in 
eine Hängematte so fest eingenäht, daß niemand sie sehen konnte. Dort 
mußte sie drei Tage ohne Speise und Trank bleiben. Nach Ablauf der drei 
Tage ließ sie sich auf den flachen Stein hinab; denn ihre Füße durften 
den Boden nicht berühren. "Verspürte sie ein menschliches Bedürfnis, so 
lud eine weibliche Verwandte sie auf den Rücken und trug sie hinaus, 
wobei jene eine glühende Kohle mitnahm, um zu verhindern, daß böse 
Einflüsse in den Körper das Mädchens eindrangen. Nachdem sie wieder in 
ihre Hängematte gelegt worden war, erhielt sie die Erlaubnis, Mehl, ge- 
kochte Wurzeln und Wasser zu genießen, doch durfte sie weder Salz noch 
Fleisch kosten. So lebte sie bis zum Ende der ersten monatlichen Periode, 
worauf sie auf der Brust, auf dem Bauch und über den ganzen Rücken 
zerschnitten wurde. Während des zweiten Monats verblieb sie zwar noch 
in der Hängematte, doch war die Observanz weniger streng und sie durfte 
spinnen. Im dritten Monat wurde sie mit einem gewissen Farbstoff ge- 
schwärzt und begann so wie gewöhnlich herumzugehen. 

Ästhetische, soziale und religiöse Motive dürften an dem Brauche des 
Tatauierens% der auch schon im zartesten Kindesalter Anwendung findet 
und bei einzelnen Völkern Jahrzehnte hindurch fortgesetzt wird, in wechseln- 
dem Ausmaße beteiligt sein; die ursprüngliche Absicht wird aber wohl eine 
magische gewesen sein. Das tatauierte mannbare Mädchen will vor allem 
dadurch seine glücklich erreichte Geschlechtsreife dem Manne mitteilen 
und so einen Zauber auf ihn ausüben. In Tunis^ lassen sich die Mädchen 
beim Eintritt ihrer Reife einen Bart auf das Kinn tatauieren. Auf diese 
Weise benachrichtigen sie ihre Mütter von dem Ereignis und drücken den 
Wunsch aus, daß sie einen Mann möchten. Nach Manch s3 Bericht besteht 
bei den Makalaka in Südafrika die Sitte, daß die alten Frauen das junge 
Mädchen zur Pubertätszeit tatauieren. Den Bassari-MÄdchen im Innern von 
Deutsch-Togo macht man, wenn sie das heiratsfähige Alter erreicht haben, 
drei bis vier wulstige, vom Nabel strahlenförmig ausgehende Einschnitte 
(Sonnensymbol?). Nach Förster^ tatauiert man auf Tahiti die geschlechts- 
reifen Mädchen, die dieses Augenblicks sehnsüchtig harren. Bei den Roro- 

1) Die Sclrreibart „Tatauieren" ist richtiger als die noch vielfach angewendete 
Form „Tätowieren". Über die Ursachen des Tatauierens siehe PloD-Bartels: Das 
Weib, 9. Aufl. (Leipzig 1908), I. Bd., S. 145 f. 

2) Dieses Beispiel und die folgenden bei Ploß-Renz: Das Kind, II, S. 750, 751, 
742, 744, 747, 755, 754. 

5) Zitiert bei Ploß-Bartels : Das Weib in der Natur- und Völkerkunde, 9. Aufl. 
(Leipzig 1908), I. Bd., S. 456. 



7* 



Alfred Wintersteiii 



Papua in Britisch-Neuguinea bildet das Pubertätsfest heutzutage den Ab- 
schluß des Tatauierens, das dort vier, fünf oder noch mehr Jahre in An- 
spruch nimmt. Es beginnt im achten oder neunten Jahr der Mädchen und 
erstreckt sich über den ganzen Körper. Das Gesicht wird erst vor Abhaltung 
des Pubertätsfestes tatauiert. Der ganze Vorgang, insbesondere aber das Talau- 
ieren des Gesichtes, ist äußerst schmerzlich. Zum Feste tun sich gewöhn- 
lich mehrere Familien zusammen. Wenn dazu alles vorbereitet ist, schließt 
man die Kandidatinnen zuerst in Hütten ein, wo sie außer der Gesichts- 
tatauierung einer strengen Enthaltung von gewissen Speisen und Getränken 
unterworfen werden. 

Die Reifekandidatinnen erscheinen nach Vernarbung der Wunden zu dem 
Pubertätsfeste mit Öl und rotem Ocker vom Kopf bis zu den Füßen ge- 
salbt und mit Schmuck aus Muscheln, Eber- und Hundezähnen überladen. 
Ein anderer Papua-Stajmn, nämlich die Hula, tatauiert seine Töchter mög- 
lichst reichlich und geschmackvoll, damit sich leichter ein Gatte finde. 
Im Murraydistrikt im südlichen Australien mußten sich seinerzeit die Reife- 
kandidatinnen einer höchst schmerzlichen Tatauierung des Rückens unter- 
ziehen. Bei den Kadiuevo, einem Zweig der Guaicuru im westlichen Brasilien, 
wurden die Mädchen früher nach Eintritt der Pubertät unter gewissen 
Feierlichkeiten mit einem Dome tatauiert. Bei den Karaja am Schingu 
und Araguaya wird beiden Geschlechtern nach erreichter Mannbarkeit auf 
jede Wange ein Kreis, das Stammeszeichen, eingeschnitten. Andere Zere- 
monien scheinen hier nicht stattzufinden. Auch in Paraguay war die Tatau- 
ierung der Mädchen zur Zeit der Reife üblich. Von den jetzt ausgestorbenen 
Abiponern, einem Zweige der Guaicuru, berichtete Dobrizhoffer^ Ende 
des achtzehnten Jahrhunderts, daß die Pubertätskandidatinnen tatauiert 
wurden. Ebenso tatauieren auch die Kaders in den Anamallybergen in 
Indien die jungen Mädchen zur Zeit der Reife.^ 

Nicht nur der Gedanke an das andere Geschlecht, auch der Wunsch nach 
leichter Geburt findet bei einigen Völkern in den Mädchenweihen, die ja 
mnig mit den Hochzeitszeremonien zusammenhängen, sinnfälligen Ausdruck. 
Ich brauche hier bloß Bekanntes zu wiederholen. Bei den TmraeÄ-Indianern 
auf Alaska trägt die Novize um die Hüften eine Schnur, an der die Ober- 
schenkel eines Stachelschweines befestigt sind; denn von allen diesen In- 
dianern bekannten Tieren wirft das Stachelschwein am muhelosesten Junge. 



1) Dobrizhoffer: Geschichte der Abipaner. (Historia de Abiponibus.) Wien 178^/84 

2) Zitiert bei Plofl -Bartels, a. a. O. S. 456. 



Die Putertatsriten der Mädciien und ilire Spuren im Märdien 



7^ 



Auch wird folgender Brauch berichtet: Falls jemand zufällig ein trächtiges 
Stachelschwein während des Exils des Mädchens tötet, wird ihr der Fötus 
gegeben, den sie zwischen Hemd und Körper wie ein kleines Kind zu Boden 
fallen läßt/ Bei den rAo/n^sson-Indianern in Britisch-Columbia lief die 
Pubertätskandidatin am frühen Morgen viermal mit zwei kleinen Steinen 
in ihrem Busen herum; dabei glitten die Steine zwischen ihrem nackten 
Körper und ihren Kleidern zur Erde. Zu gleicher Zeit betete sie zur Dämme- 
rung, daß sie, wenn sie schwanger würde, ebenso leicht entbinden möge 
wie von diesen Steinen.^ 

Bei den benachbarten JLi7Zoei-Indianern wird der gleiche Analogiezauber 
von den mannbaren Mädchen ausgeübt; ihr Gebet lautet: „Möge ich immer 
leichte Geburten haben." Der eine Stein stellte das künftige Kind dar und 
der andere die Nachgeburt.^ 

Bei den Kappiliyan von Madura und Tinnevelly wird, wenn die Novize 
vom rituellen Bade heimkehrt, in die Nähe der Haustür eine Speise hin- 
gestellt und ein Hund darf davon kosten, aber sein Vergnügen wird durch 
Schmerzen beeinträchtigt; denn während er frißt, erhält er eine ordent- 
liche Tracht Prügel. Je lauter er heult, desto besser ist es, weil die Familie, 
die die junge Frau gebären wird, um so größer sein wird. Heult der Hund 
jedoch gar nicht, so wird es keine Kinder geben.* Es besteht offenbar ein 
Zusammenhang zwischen dem Hundegebell und den Schmerzensschreien 
der Frau bei der Geburt. Der fressende Hund symbolisiert vielleicht irgend- 
wie das weibliche Genitale beim Koitus; begegnen wir doch im Volks- 
glauben ganz allgemein der Anschauung, daß der Uterus ein im Körper 
des Weibes lebendes Tier sei, welches gefüttert werden muß. Die Tracht 
Prügel könnte auch als Strafe für Kastrationsgelüste gegenüber dem Penis 
des Gatten gedeutet werden (oder Bestrafung für den Inzest?). 

Wenn das Exil eines Mädchens bei den Parivaram von Madura zu Ende 
geht, wird seine Isolierhütte niedergebrannt und die Töpfe, die sie benützt 
hat, werden in ganz kleine Scherben zerschlagen; denn es herrscht dort 
der Glaube, daß das Mädchen kinderlos bleiben würde, wenn sich Regen- 
wasser in einem der Töpfe ansammelte.^ (Die Kinderlosigkeit ist vielleicht 

1) S. 14. 

2) S. 14. 

5) James Teit: The Lilloet Indians (Leyden and New York 1906), S. 263 265 

(The Jesup North Pacific Expedition, Memoir of the American Museum of Natural 
History, New York). 

4) Edgar Thurston: Gastes and Tribes of Southern India (Madras 1909), III, S. 218. 

5) Edgar Thurston, a. a. O., VI, S. 157. ' 



74 



Alfred Winterstein 



auch hier wie in anderen Fällen eine Strafe für den Inzest; das Regen- 
wasser im Topf entspricht wohl der Befruchtung durch den Vater. In der 
griechischen Sage empfing Danae den Besuch des Zeus in Gestalt eines 
goldenen Regens.)^ 

Auch bei der Pubertätsfeier der A/ama-Mädchen^ in Südafrika spielt der 
Gedanke an die künftige Generation eine Rolle. Theophil Hahn^ berichtet 
uns über diese Feier folgendes- Nach der ersten Menstruation wird das 
Mädchen mit einem reichgeschmückten Broak-Karoß, einer Art Mantel aus 
Schakal- oder Katzenpelz, bekleidet, der sie als heiratsfähig bezeichnet. Bis 
dahin war das junge Mädchen völlig nackt gegangen. Nach dieser Ein- 
kleidung sitzt sie drei Tage lang dem Eingang der Hütte gegenüber an 
der Seite, wo das Hausgerät sich befindet, in einem von fußhohen Stäben 
eingeschlossenen Kreis, von zweieinhalb bis drei Fuß im Durchmesser, mit 
untergeschlagenen Beinen, den Mund fischmaulartig* vorgestreckt und 
zuweilen mit ihrem Kopfe herausfordernd nickend. Am dritten Tage wird 
eine junge fette Färse geschlachtet. Der nächste Anverwandte der Kandi- 
datin, gewöhnlich ihr ältester unverheirateter Vetter, erscheint mit der 
Nachbarschaft zur Gratulation und zum Schmaus, Indem er ihr das Magen- 
fell des Rindes über den Kopf hängt, wünscht er ihr, so fruchtbar zu sein 
wie eine junge Kuh und recht viele Kinder zu gebären. Dann kommen 
ihre Freunde und Freundinnen mit ähnlichen Glückwünschen, worauf der 
Festschmaus beginnt. Dieser endet mit Gesang und Tanz, wobei man sich, 
wenn möglich, mit Honigbier bezecht. 

Daß das Mädchenexil als eine Periode des Verzichtes, des Opfers, der 
Introversion so häufig in einem Feste seinen Abschluß findet, das eine 
weitgehende Triebbefriedigung ermöglicht, ist in Gesetzen des Seelenlebens 
begründet, die bei Primitiven und Kulturvölkern in gleicher Weise wirksam 
sind. Allerdings bedarf die Behauptung, daß das Exil asketischen Charakter 
habe, einer gewissen Einschränkung, da es ja gleichfalls der Vorbereitung 
für das Geschlechtsleben des erwachsenen Weibes gewidmet ist. Diese er- 
folgt aber nicht nur durch theoretischen, sondern bisweilen auch durch 
praktischen Unterricht, der in der Regel von älteren Frauen 5 erteilt wird. 

1) Vgl. den Regen, der die Flammen löscht, im Märchen vom Marienkind (S. 57 f.). 

2) In Lüderitzland und im Walfischbai sind nach Scobel die typischesten Hotten- 
totten. 

3) Theophü Hahn: Globus 12 (1868), S. 507. (Zitiert bei Ploß-Renz, a.a. O. S. 740.) 

4) Das fischmaulartige Vorstrecken des Mmides sieht wie eine Verlegung der 
mannbchen (Penis-) Sexualität nach oben ans. 

5) Bei denBanm-Mädchen am unteren Kongo von dem Operateur, dem „ngangaKumbi", 



Die Pubertätsriten <Jer MäJdien und ilire Spuren im Märdien 



75 



Bei den nördlichen Clans des Tkonga- Stammes in Südostafrika, in der 
Gegend der Delagoabucht, lauschen die Novizen während ihrer Abgeschieden- 
heit auf laszive Gesänge, die von erwachsenen Frauen gesungen werden, 
und werden in sexuellen Dingen unterwiesen.* Worin dieser Unterricht 
besteht, wird uns allerdings nicht berichtet. Die Mädchen der Bakulia im 
nördlichen Deutsch-Ostafrika empfangen von den sogenannten weisen Frauen, 
von denen sie auch beschnitten werden, Lehren, die sich besonders auf das 
Geschlechtsleben, doch auch auf ihr sonstiges Verhalten in der Zukunft 
beziehen. Bei der Schlußfeier der Pubertätskandidatinnen der Völker auf 
dem Makondeplateau (südöstliches ehemaliges Deutsch-Ostafrika) müssen 
diese vor den Augen der Lehrerin ihre Kunst im Zittern der Gesäßpartie 
zeigen; die Mädchen haben eine Unterrichtszeit von mehreren Monaten 
hinter sich, die sie in einer besonderen Hütte durchmachen.^ In Madibira 
(gleichfalls südliches ehemaliges Deutsch-Ostafrika) wird den Novizen von 
alten Weibern Unterricht über die Ehe erteilt. Diese fertigen hiezu eigene 
Lehmfiguren an, bei denen das Geschlechtliche ganz besonders hervor- 
gehoben ist. Die zwei größten stellen Vater und Mutter dar; die anderen 
teils Menschen, teils die bekanntesten Tiere, ebenfalls männlich und weib- 
lich, dann Sonne und Mond (wahrscheinlich auch als Mann und Weib 
gedacht) und verschiedene Hausgeräte, besonders Töpfe. 3 

In den Initiationszeremonien der Mädchen bei den Atchuaho spielt die 
sexuelle Aufklärung gleichfalls eine wichtige Rolle; sie beschränkt sich 
aber nicht auf Worte: mit Masken bekleidete alte Frauen begatten sich 
als Mann und Frau in Gegenwart der Kandidatinnen. 

Sobald bei dem ^waAeZi-Mädchen in Sansibar die Zeichen der Mannbar- 
keit eintreten, was gewöhnlich im zwölften oder dreizehnten Jahr geschieht, 
wird es noch an dem gleichen Tage von einem alten Weib gewaschen, 
im Gesicht bemalt, schön frisiert, mit Schmuck behangen und von Freun- 
dinnen in der Stadt herumgeführt, wobei es Geschenke erhalt, aber auch 
viele Neckereien von den Gefährtinnen erdulden muß. Nach O. Kersten 
werden die Mädchen von jenem alten Weibe im „Digitischa" unterrichtet, 
d. h. in der Ausführung gewisser mahlender Hüftbewegungen, welche 



1) S. 6. 

2) Karl Weule: Negerleben in Ostafrika. Ergebnisse einer ethnologischen For- 
schungsreise. Leipzig 1908. (Zitiert bei Ploß-Renz, a. a. O. S. 73G/37.) 

3) Briefliche Mitteilung deS Missionars Johannes Häf liger an B. Renz (Ploß- 
Renz, a. a. O. S. 758). Eine beigegebene Photographie zeigt eine Anzahl phallischer 
Figuren (darunter auch den Vater). 



76 



Alfred Winterstein 



den Reiz des Koitus erhöhen sollen. Nach Velten wird dieser Unterricht 
und jener über das Eheleben überhaupt in Gegenwart der anderen alters- 
gleichen Mädchen gegeben; ihn begleiten schamlose Gesänge, deren Sinn 
die Novizinnen deuten müssen. Ungelehrige Mädchen bekommen von der 
Lehrerin Schläge, gelehrige Lob.^ 

Nach den Mitteilungen aus dem „Jahresbericht igo8 und 1911 der 
Missionen der rheinisch-westfälischen Kapuzinerordensprovinz auf den Karo- 
linen-, Mariannen- und Palauinseln"^ wirkt der Aufenthalt in den Isolier- 
hütten entsittlichend auf die Novizen. Einzelheiten über das Tun und Treiben 
in diesen Hütten scheinen den betreffenden Missionären aber nicht bekannt- 
geworden zu sein. 

Das Ziel, das die Mädchenweihen der Primitiven mit so großem Auf- 
wand an Zeit und Unlust seitens der Novizen anstreben, ist das gleiche, 
welches auch heute noch jede wirkliche Erziehung der jungen Mädchen 
verfolgt: Ersatz der männlichen unfertigen Sexualität durch die weibliche, 
Aufhebung sozial unzweckmäßiger Fixierungen sowie Vorbereitung für 
das Geschlechts- und Eheleben, für den Stand der Mutter und Hausfrau. 
Die Klostererziehung erinnert ja noch in mancher Beziehung an das Mäd- 
chenexil, indes der erste Fasching, den das junge Mädchen mitmacht, mit 
den Festlichkeiten verglichen werden kann, die so häufig bei den Primi- 
tiven diese Periode abschließen. Firmungä und Konfirmation bezeichnen heute 
für das christliche Mädchen symbolisch den Übergang vom Kinde zur Er- 
wachsenen. Bei einem neurotischen oder dissozialen Mädchen wird die 
Erziehung freilich um so eher mißlingen, als in so vielen Fällen leider 
die zur Erziehung Berufenen völlig unbewußt, ohne jedes psychologische 
Verständnis zu Werke gehen. Oft verhütet bloß ein rein intuitives Eingreifen 
schlimmere Polgen. Hier setzt nun die Aufgabe der Psychoanalyse ein, 
deren zielbewußte Tätigkeit man mit Recht eine Nacherziehung genannt 
hat. Zwischen ihrer bewußten Funktion und der unbewußten der Puber- 
tätsweihen besteht eine weitgehende Analogie. Auch die Psychoanalyse ist 



1) Carl Velten: Sitten und Gebräuche der Suaheli nebst einem Anhang- über 
Rechtsgewohnheiten der Suaheli (Göttingen 190g). 

2) Bei Ploß-Renz, a. a. O. S. 740/41. 

n/r f^u^^^ Primitiven heim Übergange vom Kinde zum geschlechtsreifen 

Madchen beobachtete Parbensymbohk (S. 69 f.) lebt noch bei Kulturvölkern fort. So 
wird m der „Histoire d'une grande dame du XVIP si^scle« (La princesse H^lfene de 
Ligne^Par Lucien Perey, Paris 1889) erzählt, daß nach der ersten Kommimion ein 
Tausch der weißen Bänder mit den roten stattfand. Die drei Klosterklassen hießen: 
Classe blanche, bleue, rouge. 



Die Putertätsriteii der Mäddien und dirc Spuren im Märdieii 



77 



ein sozialer Vorgang, nach dem Ausspruche Freuds eine „Massenbildung 
zu zweien", wobei der Analytiker die Rolle spielt, die in den Mädchen- 
weihen zumeist einer älteren Frau als Vertreterin der Mutter zufällt. Die 
analytische Situation stellt ebenso wie das Mädchenexil in gewisser Be- 
ziehung symbolisch den Aufenthalt im Mutterleibe dar. Erst durch die 
in beiden Ersatzbildungen erfolgende Abfuhr versagter Libido lernt das 
junge Mädchen auf die aktive Rückkehr zur Mutter, das Eindringen in 
das Liebesobjekt mittels des männlichen Genitales (Klitoris) verzichten und 
den Wunsch nach Wiederkehr des lustvoUen Urzustandes auf dem Wege 
der passiven Reproduktion, d. h. der Schwangerschaft und Geburt des Kindes 
befriedigen.^ Freilich unterscheidet dann die Einsicht in den psychischen 
Mechanismus die Analysandin durchaus von der Pubertätskandidatin bei 
den Primitiven. In der Institution der Mädchenweihen verrät sich die aus 
diesem Grunde niemals völlig geglückte Bewältigung des Geburts- und 
Sexualproblems auch dadurch, daß der gleiche Zweck immer wieder mittels 
verschiedener Riten angestrebt wird. Ich erinnere hier an die sexuellen 
Operationen, an das Zahnausschlagen, Abschneiden der Haare u. a. Die 
Abtrennung eines Teiles vom übrigen Körper hat natürlich neben der 
sexualsymbolischen auch eine geburts symbolische Bedeutung, die gleich- 
falls bei anderen Eigentümlichkeiten der Mädchenweihen nachzuweisen ist. 

So wie in der Analyse die Patientin den Analytiker aber auch an Stelle 
ihres väterlichen Ideals setzt und auf diese Weise ihre infantile Ödipus- 
libido wiedererlebt (teilweise sogar neuerlebt, allerdings nur unter der Be- 
dingung des bewußten Verzichtes auf ihre unangepaßte Realisierung), bietet 
sich auch in den Pubertätsriten der Mädchen eine Vaterersatzfigur (Dämon, 
Priester, Häuptling, älterer Mann) der Kandidatin dar, die an jenem Reprä- 
sentanten ihre infantilen Libidoansprüche zu befriedigen trachtet, bevor sie 
die weitere Übertragung auf ihren zukünftigen Gatten zustande bringt. Ge- 
legentlich wird es sogar, wie wir bei den australischen Beispielen gesehen 
haben, vorkommen, daß die Ödipuslibido am eigentlichen Objekt, am wirk- 
lichen Vater affektiv ausgelebt wird. 

Endlich mag daran erinnert werden, daß, ähnlich wie das Unbewußte 
des Patienten . in der Analyse die Heilung als Geburtsakt auffaßt, der Primi- 
tive die Beendigung des Mädchenexils häufig in rituelle Formen kleidet, 
die von der Vorstellung der Wiedergeburt deutlich beeinflußt sind. 



i) O. Rank; Das Trauma der Geburt. (Internationale Psychoanalytische Bibliothek, 
Bd. XIV, 1924, S. 42.) 



1 




Es xst nun sicherlich kein Zufall, daß es gerade der Psychoanalyse vor- 
behalten geblieben ist, den unbewußten Sinn der Pubertätsriten zu deuten 
da diese emen der frühesten, allerdings auch mit unzureichendem Erfolg 
unternommenen Versuche darstellen, Konflikte zwischen den Triebansprüchen 
des einzelnen und den Forderungen der Gesellschaft im Sinne der Kultur- 
anpassung zu überwinden. In jenen Fällen, wo die Sündenbeichte einen 
Bestandteil der Pubertätszeremonien bildet, das Schuldgefühl also schon 
starker geworden ist, nähern sich die Riten in ihrer psychischen Wirkung 
am meisten der analytischen Behandlung: das uns bereits bekannte Märchen 
vom Marienkind' zeigt diesen Sachverhalt gewissermaßen an, indem es einer- 
seits mit seiner Symbolik vielfach zu den Mädchenweihen zurückweist 
anderseits durch Betonung der im Geständnisse liegenden psychischen Ent- 
lastung die psychoanalytische Erkenntnis von der Bedeutung der Bewußt- 
machung des Unbewußten vorwegnimmt. 



Internationaler Psyckoanalytisclier Verlag 

W^ien I, Börsegasse 1 1 



ALFRED WINTERSTEIN: Der Ursprung der Tragödie. 
Ein psydioanalytisdier Beitrag zur Gesdiidite des griediisdien Tlieaters. 
Ganzleinen M. 10. — 

Es wird der Versuch unternommen, einen im Gebiete des alten Thrakiens beobachteten Karnevals- 
brauch aus einer antiken ländlichen Dionysosfeier herzuleiten. Anderseits wird daj moderne Masken- 
spiel in die weit verbreitete Gattung der Frühlingsfeste des „Vegetationsdämons" eingereiht und an 
reichem Material deren Verwandtschaft mit den Knaben weihen derWilden nachgewiesen. Auch 
der Anteil des Toten- und Heroenkultes an der Entstehung der Tragödie wird gewürdigt. Anschließend 
wird die Bedeutung des Wortes Tragö di e — Bocksgesang erläutert. Die historische Entwicklung 
der attischen Tragödie und rlie Entstehung des mittelalterlichen Dramas aus der kirchlichen Liturgie 
bilden den Gegenstand der späteren, durch Betrachtungen über den tragischen Helden, den Chor, den 
Schauspieler und den Zuschauer ergänzten Ausführungen. An einem Beispiel aus einem völlig ent- 
legenen Kulturkreise — an einem Tanzschauspiel der Indianer in Guatemala in vorkolumbischer Zeit — 
wird schließlich gezeigt, daß auch hier der ewige Konflikt zwischen Vater und Sohn das üefste Motiv 
für die Schöpfung des Dramas darstellt. 



ECKART von iSYDO W : Primitive Kunst und Psyclio- 
analyse. Eine iStudie üLer die sexuelle Grundlage der bildenden 
Künste der Naturvölter. (Mit KunstLeilagen.) Ganzleinen M. 10. — 

Inhalt: Die Wiedererweckung der primitiven Kunst — Die drei Wege zur Erkenntnis der natur- 
völkischen Kunst — Die sexuelle Grundlage der Baukunst, der Plastik, der zeichnerischen Künste — 
Lust und Unlustprinzip in ihrem Verhältnis zum naturvölkisclien Kunstwerk. Kunst- und Wirtschafts- 
formen bei den Naturvölkern — „Körperkunst" und deren sexuelle Grundlage — Die gesciiichtliche 
Reibenfolge der Künste — Der Grund des Stillstandes der primitiven Kunst, 



THEODOR REIK: Das Ritual, a., ergänzte Auflage der »Pro- 
bleme der Religionspsydiologie« . Ganzleinen M. I^. — 

Inhalt: I) Einleitung — II) Die Couvade und die Psychogeriese der Vergeltungsfiircht — III) Die 
Pubertätsriten derWilden — IV) Kolnidre (Stimme des Gelübdes) — V) Das Schofar (Das Widderhorn) — 
VI) Der Moses des Michelangelo. 

Es ist eine schwere Kost, die vorsichtig genommen und mehrmals verdaut werden muß, — aber es 
ist eine Arbeit, die den Problemen wirklich nahe zu kommen sucht; es ist nicht dieses ewige kom- 
pilierend« Denken, das so häufig in der übrigen medizinischen Literatur uns ichthyosaurenhaft an- 
mutet . . . Wenn Reik am Schlüsse seines Werkes schreibt, daß er der Religionswissenschaft einen neuen 
Weg gewiesen hat, den er an der Hand seines Meisters Freud betrat, dann niuD ihm jeder Vorurteilsfreie, 
auch wenn er ihm nicht in allen Deduktionen folgen kann, rechtgeben. Wie schmerzlich manchem 
die Sondierung religiös-ethischer Gefühle sein mag, vom wissenschaftlichen Standpunkt ist sie berechtigt, 
und die Psychoanalyse ist zweifelsohne befähigt, diese Erkenntnis in ein bisher unbekanntes Reich zu 
führen. Reiks Buch kann nicht referiert werden, da Jedes Referat nur Stückwerk bleiben muß ; es ist 
ein Buch, das durchforscht zu werden verdient und das in sich den Keim neuen Werdens trägt. 

(Prof. JLiepmann in der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft",) 




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